Dienstag, Juli 16, 2024

OSV-Präsident Weskamp: „Wir müssen wieder mehr Optimismus zeigen.”

Der Geschäftsführende Präsident des Ostdeutschen Sparkassenverbands (OSV) Ludger Weskamp im W+M-Interview über die schwächelnde Kreditnachfrage, den Fachkräftemangel in Ostdeutschland und die Bedeutung der Sparkassen für die Region.

W+M: Herr Weskamp, Deutschland befindet sich in einer schwierigen wirtschaftlichen Situation. Wie beurteilen Sie die gegenwärtige Entwicklung aus Sicht der ostdeutschen Sparkassen?

Ludger Weskamp: Die deutsche Wirtschaft befindet sich gegenwärtig, in einer Art Seitwärtsbewegung. Sie entwickelt sich schlechter als in anderen EU-Staaten.  Diese Entwicklung hat sich schon seit längerem angedeutet. Die Lage war seit Ende der 2010er Jahre nicht so gut, wie sie vielleicht ausgesehen haben mag, weil wir durch Förderungen im Zuge der Corona-Pandemie und durch die niedrigen Zinsen ein verzerrtes Bild hatten. Jetzt erleben wir durch die Folgen des Kriegs in der Ukraine, der Inflation, der hohen Energiekosten und des höheren Zinsniveaus eine grundsätzlich negative Entwicklung, die nicht ohne Folgen bleibt.

W+M: Welche meinen Sie?

Ludger Weskamp: Die Stimmung im Land ist schlecht. Sie ist sogar vielfach schlechter, als es die wirtschaftliche Situation hergibt. Wobei die wirtschaftlichen Zahlen für Ostdeutschland tendenziell noch besser ausfallen als im Bundesdurchschnitt, was wir als ostdeutsche Sparkassen natürlich begrüßen. Aber es fehlen in Ost wie West positive Signale, um die Menschen und die Unternehmen zu ermutigen, wieder mehr zu investieren. Dazu hat auch die Politik beigetragen.

W+M: Was werfen Sie der Politik vor?

Ludger Weskamp, Präsident des OSV. Foto: W+M

Ludger Weskamp: Die Menschen wünschen sich Sicherheit, Vertrauen und Planbarkeit. Dies zu schaffen, hat die Politik in jüngster Zeit versäumt. Im Gegenteil, sie hat mit Diskussionen und öffentlichen Kontroversen, beispielsweise beim Gebäudeenergiegesetz zur Verunsicherung beigetragen. Ich habe unlängst an einem Bürgerdialog mit dem brandenburgischen Ministerpräsidenten Dietmar Woidke teilgenommen. Dort waren die drängendsten Themen nicht etwa Bildung oder Soziales, sondern die Frage, wie wir künftig kostengünstig Energie erzeugen und beziehen können. Das beschäftigt die Menschen.

W+M: Täuscht der Eindruck, dass die Verunsicherung in Ostdeutschland besonders groß ist?

Ludger Weskamp: Wir befinden uns in einer Transformation, über sie wird diskutiert, ohne sie den Menschen nachvollziehbar zu erklären. Zudem ist dieser Begriff in Ostdeutschland negativ besetzt. Er erinnert an die schwierigen und schmerzhaften Umbrüche Anfang der 1990er Jahre. Vor rund 30 Jahren wurde Ostdeutschland in großem Umfang reformiert und modernisiert. Dies war für viele Menschen mit Veränderungen, Umbrüchen und Ängsten verbunden. Die Menschen haben Sorge, dass das jetzt wieder alles zur Disposition steht.

W+M: Muss den Menschen ehrlicher kommuniziert werden, dass die Transformation für sie auch mit Kosten verbunden sein wird?

Ludger Weskamp: Ich glaube, dass dies den Menschen in Ostdeutschland längst bewusst ist. Noch kann aber niemand sagen, wie hoch diese Kosten ausfallen werden. Und es wird die Frage aufgeworfen, wie gerecht diese Kosten verteilt werden. Nicht nur innerhalb der Bevölkerung, sondern beispielsweise auch zwischen Stadt und ländlichem Raum. Die Kommunikation dieser Fragen ist heute weitaus schwieriger als früher, weil es nicht mehr den einen Masterplan gibt, der Antworten auf all diese Fragen liefern kann.

W+M: Wie schlägt sich all das in den Bilanzen der ostdeutschen Sparkassen nieder?

Ludger Weskamp, Präsident des OSV. Foto: W+M

Ludger Weskamp: Wir haben im ersten Halbjahr 2023 deutlich weniger neue Kredite vergeben als im Vorjahr. Bei der Baufinanzierung nahezu eine Halbierung. Allerdings war das Ausgangsniveau sehr hoch, denn wir haben 2022 wie in den Vorjahren Rekordzahlen geschrieben. Es kam 2022 zu vielen Vorzieheffekten, weil die Menschen geahnt haben, dass sich die Rahmenbedingungen ändern werden. Mittlerweile sind die Zinsen in kürzester Zeit um drei bis vier Prozent angezogen. Das ist immer noch niedrig im historischen Vergleich, aber die Kombination aus höheren Zinsen, höheren Baupreisen und steigenden Lebenshaltungskosten lässt eine Wohnungsbaufinanzierung für manchen Kunden nun unmöglich erscheinen.

W+M: Sehen Sie die weitere Entwicklung mit Sorge?

Ludger Weskamp: Ich glaube, dass die Nachfrage nach Baufinanzierungen auch wieder anziehen wird. Wichtig ist nur, dass die Bauindustrie unterdessen nicht zu stark einbricht. Sorge bereit mir viel mehr die Investitionszurückhaltung bei Industrie und Mittelstand. Wenn die Unternehmen wegen der hohen Energiepreise abwandern, bricht die wirtschaftliche Basis unseres Landes weg. Es gibt ja Stimmen, die eine Abwanderung der energieintensiven Branchen eher noch begrüßen, weil diese besonders viele Schadstoffe emittieren. Aber wenn wir unsere Grundstoffindustrie nicht im Land halten können, heißt das nur, das wir weitere Abhängigkeiten durch Importe schaffen.

W+M: Welche Gefahren drohen dem ostdeutschen Mittelstand?

Ludger Weskamp: Beim ostdeutschen Mittelstand kommen zusätzlich zu den hohen Energiepreisen noch ungeklärte Nachfolgefragen und der Fachkräftemangel als Risiken hinzu.

W+M: Befürchten Sie Zahlungsausfälle und eine Insolvenzwelle?

Ludger Weskamp: Die Kreditausfälle bei den ostdeutschen Sparkassen steigen sowohl im privaten als auch im gewerblichen Bereich nur sehr moderat an. Dort sehe ich gegenwärtig keine Gefahren. Die sehe ich eher darin, dass die Unternehmer nicht mehr ausreichend investieren und – wenn sie keine Nachfolger finden – ihre Betriebe einfach abwickeln.

W+M: Die ostdeutschen Länder haben sich zuletzt ihrer besonderen Ansiedlungserfolge gerühmt – Stichwort Tesla oder Intel. Zu Recht?

Ludger Weskamp, Präsident des OSV. Foto: W+M

Ludger Weskamp: Die Beispiele zeigen, dass aktive Industriepolitik funktioniert. Ein ganz wichtiges Asset bei den Ansiedlungen ist übrigens die Verfügbarkeit an erneuerbaren Energien in den ostdeutschen Ländern. Da wird in den Landesregierungen unabhängig von der politischen Couleur gerade eine ganze Menge richtig gemacht.

W+M: Lassen Sie uns einen Blick auf die ostdeutschen Sparkassen werfen. Auch dort wird offensichtlich einiges richtig gemacht. Das Kosten-Ertrags-Verhältnis der OSV-Sparkassen ist beispielsweise besser als der bundesdeutsche Durchschnitt. Woran liegt das?

Ludger Weskamp: Die Kollegen in Westdeutschland würden jetzt sagen, dass wir von einem geringeren Wettbewerb profitieren. Sie übersehen aber, dass es in den dünnbesiedelten ostdeutschen Regionen auch deutlich schwieriger ist, hohe Erträge pro Kunde zu erzielen. Ich denke, es gibt in Ostdeutschland von jeher ein ausgeprägtes Kostenbewusstsein. Das sieht man im Übrigen auch an unseren Kunden, die ihre Kredite überdurchschnittlich schnell tilgen.

W+M: Zu den Kostenfaktoren zählt auch das dichte Filialnetz der Sparkassen. Lässt sich dies aufrechterhalten oder wird es weitere Filialschließungen geben?

Ludger Weskamp: Es ist ein regelmäßiger Prozess, zu überprüfen, ob und wie das Filialnetz an der ein oder anderen Stelle optimiert werden kann. Aber es wird keinen generellen Rückzug aus der Fläche geben. Fakt ist aber auch: 50 Prozent der Sparkassen-Kunden nutzen das Online-Banking, 15 Millionen die Sparkassen-App. Deshalb müssen wir immer wieder schauen, wer braucht eigentlich noch eine Filiale und für welche Beratungen, sei es als privater oder gewerblicher Kunde.

W+M: Trotzdem weckt das Thema Filialschließungen immer wieder Emotionen bei den Menschen.

Ludger Weskamp: Ja, aber das eigentliche Problem liegt darin, dass im ländlichen Raum auch viele andere Einrichtungen und Geschäfte schließen, etwa der örtliche Metzger oder die Bäckerei. Die Schließung einer Sparkassenfiliale fließt dann in die Diskussion  über die Wahrung gleichwertiger Lebensverhältnisse. Eine zufriedenstellende Lösung dafür gibt es noch nicht. Die ostdeutschen Sparkassen haben selber erfahren müssen, dass das Projekt „Große Emma“, der Zusammenschluss verschiedener Dienstleister unter einem Dach, nicht funktioniert hat. Wenn die geschäftliche Grundlage für eine Dienstleistung nicht gegeben ist, wird sie auch unter einem gemeinsamen Dach nicht angeboten.

W+M: Kostenseitig werden die Sparkassen auch durch Regulierung und Bürokratie belastet. Sind Sie optimistisch, dass die Bürokratie abgebaut werden kann?

Ludger Weskamp: In der Finanzbranche haben das Meldewesen und die Dokumentationspflichten stark zugenommen. Ich sehe das sehr kritisch. Der zunehmende Trend zu immer mehr Absicherungen ist auch Ausdruck einer Misstrauenskultur und kommt einer Entmündigung des Konsumenten gleich. Zudem werden dadurch die Finanzprodukte immer gleichartiger. Es heißt in der Politik zwar, dass Bürokratie abgebaut werden soll. Gleichzeitig wollen wir aber mehr Verbraucherschutz, mehr Verkehrssicherheit oder mehr Arbeitsschutz. Und das heißt in jedem Fall mehr Bürokratie. Es wäre eine Diskussion darüber nötig, ob ein gewisses vorhandenes Schutzniveau nicht ausreichend ist und alles darüber hinaus auch wieder in die Eigenverantwortung der Menschen gelegt wird.

W+M: Sie haben bereits den Fachkräftemangel in Ostdeutschland angesprochen. Auch bei den Sparkassen ist die Zahl der Auszubildenden rückläufig. Sind die Sparkassen noch attraktive Arbeitgeber?

Ludger Weskamp: Die Zahl der Auszubildenden hat sich in Deutschland halbiert. Das geht naturgemäß auch an den Sparkassen nicht spurlos vorbei. Zur Wahrheit gehört auch, dass die Finanzbranche bei Umfragen zum Image und zum Vertrauen in der Bevölkerung keine guten Werte erzielt. In vielen Sparkassen wurden in den zurückliegenden Jahren auch eher Personal abgebaut. Jetzt findet ein Umdenken statt. Die Sparkassen arbeiten wieder daran, Personal aufzubauen. Bei den Ost-Sparkassen liegen die Ausbildungsquoten aber von jeher höher. Es gibt Länder, wo auf die Ausbildung immer sehr stark Wert gelegt wurde. Bestes Beispiel sind diesbezüglich die Sparkassen in Mecklenburg-Vorpommern.

W+M: Mit welchen Argumenten werben die Sparkassen um junge Menschen, die heute oft vor allem eine sinnstiftende Tätigkeit suchen?

Ludger Weskamp: Mein Slogan lautet: In der Region – mit der Region – für die Region. Was kann es Sinnvolleres geben, als mitzuhelfen, die Heimatregion zu entwickeln. Und das tun Sparkassen.

W+M: Die jüngste Idee der ostdeutschen Sparkassen hierfür ist eine Plattform zur Personalakquise für gewerbliche Kunden. Wie kam es dazu?

Ludger Weskamp: Wir haben schon vor einiger Zeit entschieden, dass wir wieder mehr in die Mitarbeiter investieren müssen. Die Gesellschaft für Sparkassendienstleistungen hat dazu Maßnahmen zur Personalrekrutierung entwickelt. Dabei entstand die Idee, dies auch als Dienstleistung für unsere Kunden anzubieten und auf den Sparkassenseiten oder beim Online-Banking entsprechend Stellenanzeigen zu veröffentlichen. Der Vorteil ist natürlich, dass die Sparkassen ein lokales matching zwischen den Unternehmen und Arbeitssuchenden ermöglichen können.

W+M: Eine wichtige Funktion übernehmen die Sparkassen auch als Förderer, etwa durch Spenden und Sponsoring für Kunst und Kultur. Was liegt Ihnen dabei besonders am Herzen?

Ludger Weskamp, Präsident des OSV im Gespräch im Gespräch mit W+M-Verleger Frank Nehring (r) und Matthias Salm. Foto: W+M

Ludger Weskamp: Mir ist es wichtig, dass wir zunehmend Aktivitäten fördern, die die Strukturen und den Zusammenhalt in Ostdeutschland stärken. Das können auch kleine Dinge sein. In Molmerswende bei Harzgerode haben wir beispielsweise den Wiederaufbau des Gottfried-August-Bürger-Museums unterstützt, das dem Autor zahlreicher Geschichten rund um den Baron Münchhausen gewidmet ist.

W+M: Abschließend eine persönliche Frage: Sie sind seit knapp zwei Jahren Geschäftsführender Präsident des Ostdeutschen Sparkassenverbands. Wie fällt ihre persönliche Bilanz aus?

Ludger Weskamp: Sparkassenpolitisch gab es natürlich viele herausfordernde Themen. Besonders stolz bin ich über die gelungene Fusion der LBS Ostdeutsche Landesbausparkasse (LBS Ost) und der LBS Bausparkasse Schleswig-Holstein-Hamburg. Persönlich war ich viel in Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern unterwegs und habe spannende Orte und tolle Menschen kennengelernt. Mein Ziel ist es, dass die Menschen noch mehr ein Bewusstsein für ihre ostdeutsche Identität entwickeln und dass wir wieder mehr Optimismus für die Zukunft aufbringen.

Zur Person: Ludger Weskamp

Der Brandenburger, Jahrgang 1966, steht dem Ostdeutschen Sparkassenverband seit Anfang 2022 vor. Zuvor war er im Bundesministerium des Inneren und als Dezernent für Bildung und Finanzen beim Landkreis Oberhavel tätig. 2015 wurde Ludger Weskamp zum Landrat des Landkreises Oberhavel gewählt.

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