Freitag, Februar 23, 2024

W+M-Serie Internationale Märkte: Polen – Ein stabiler Markt, auch in Krisenzeiten

Foto: AdobeStock

Polen gehört zu den größten Auslandsmärkten ostdeutscher Unternehmen. Nach Russlands Angriff auf die Ukraine beschleunigt die polnische Regierung wichtige Investitionsprojekte.

Die deutsch-polnischen Wirtschaftsbeziehungen der vergangenen Jahre sind eine beeindruckende Erfolgsgeschichte. Polen liegt mittlerweile auf dem fünften Platz in der Rangfolge der größten Außenhandelspartner Deutschlands – vor Italien oder Österreich. Der Wert aller zwischen Deutschland und Polen gehandelten Waren stieg 2021 im Jahresvergleich um stolze 19 Prozent auf das Allzeithoch von 147 Milliarden Euro.

Die ostdeutschen Bundesländer haben maßgeblich zu dieser Entwicklung beigetragen. Brandenburg und Sachsen-Anhalt exportieren heute in kein Land so viele Produkte, wie nach Polen. Der Wert des Außenhandels zwischen Polen und Sachsen hat sich seit 2010 verdoppelt. Industriegrößen wie der  Batteriehersteller Tesvolt aus Lutherstadt Wittenberg oder der Brandenburger Kunststoff-Veredler Orafol sind in Polen aktiv. Zahlreiche polnische Windparks arbeiten mit Turbinen von Nordex aus Mecklenburg-Vorpommern. Polnische Investoren wiederum sichern auch im Osten Deutschlands hunderte Arbeitsplätze, darunter die Chemiekonzerne Ciech in Staßfurt oder Azoty in Guben.

Gleichzeitig wachsen die grenznahen Regionen enger zusammen. Deutschland und Polen bauen gemeinsam die Bahnstrecke zwischen Berlin und dem polnischen Szczecin aus. Mecklenburg-Vorpommern und Szczecin koordinieren ihre Wirtschaftspolitik im Rahmen des Industrieparks Berlin-Szczecin. Brandenburg und Sachsen organisieren für Unternehmensvertreter verstärkt Delegationsreisen in polnische Nachbarregionen.

Folgen des Ukraine-Krieges für die polnische Industrie

Bislang konnte sich Polens Wirtschaft auch in Krisenzeiten behaupten. Rückgänge des Bruttoinlandsproduktes im Corona-Jahr 2020 holte das Land bis zum Sommer 2021 wieder auf. Der Krieg im Nachbarland Ukraine stellt polnische Unternehmen aber vor Herausforderungen. Die für Polen wichtige Möbelindustrie klagt nach Importstopps aus Belarus über Holzmangel. -Hersteller von Haushaltsgeräten befürchten Probleme bei Metalllieferungen. Deutsche Automobilfirmen mussten wegen fehlender Kabelbäume ihre Produktion zeitweise einstellen. Betroffen war auch das Volkswagen-Werk im polnischen Poznań,

Einen Teil seines Energiebedarfs deckt Polen mit fossilen Brennstoffen aus Russland. Die polnische Regierung arbeitet seit Jahren daran, diese Abhängigkeit zu reduzieren. Jetzt beschleunigt Polen seine Energietransformation. Ab 2040 sollen erneuerbare Energien die Hälfte der heimischen Stromproduktion decken. Heute liegt der Anteil bei 15 Prozent.

Offshore Windparks. Foto: AdobeStock

Große Hoffnungen setzt Polen auf Offshore-Windkraft. Bis voraussichtlich 2030 gehen in der Ostsee neue Anlagen mit einer Leistung von rund 6 Gigawatt ans Netz. Deutsche Unternehmen, wie RWE und Siemens, sind an den Projekten beteiligt. Dank staatlicher Subventionen boomt der Absatz von Photovoltaik-Anlagen. Davon können Solarhersteller, wie das in Ostdeutschland produzierende Unternehmen Meyer Burger, profitieren.

Der Umbau des Energiesektors geht noch weiter. Seit April 2022 bezuschusst Polen den Einbau von Energiespeichern und von Wärmepumpen in Privathaushalten mit bis zu 4.600 Euro. Branchenverbände erwarten darum ein deutliches Nachfrageplus. Parallel investiert Polen in Wasserstoff. Über 2000 Elektrolyseanlagen will das Land bis 2030 aufbauen. Entscheidenden Anteil an der Umsetzung hat der staatliche Mineralölkonzern PKN Orlen. Das Unternehmen investiert bis 2030 rund 1,7 Milliarden Euro in Wasserstoffprojekte. Für ostdeutsche Unternehmen verspricht diese Entwicklung neue Absatzchancen. Dank Projekten wie dem Hydrogen Lab Leuna verfügt die hiesige Industrie über umfangreiches Wasserstoff-Knowhow.

Das Stromnetz der Kohlenation Polen ist bislang darauf ausgelegt, Energie aus wenigen Großkraftwerken aufzunehmen und zu verteilen. Um die Leitungen fit zu machen für eine dezentrale Versorgung, investiert der Übertragungsnetzbetreiber PSE bis 2032 rund 8 Milliarden Euro.

Neue Impulse durch staatliche Projekte und durch EU-Gelder

Nicht nur Polens Energiesektor befindet sich im Wandel. Auch das Schienennetz steht vor Umbrüchen. Den geplanten Großflughafen CPK bei Warschau möchte Polens Regierung zum Knotenpunkt für den Bahnverkehr ausbauen. 1.800 Schienenkilometer will die zuständige Projektgesellschaft verlegen oder sanieren. Die Kosten des Vorhabens schätzt das Unternehmen auf 22 Milliarden Euro. Ländliche Regionen und mittelgroße Städte können auf neue Anschlüsse hoffen. Für die in Brandenburg starke Bahnindustrie eröffnet das Infrastrukturprojekt Exportmöglichkeiten.

Auch Polens Industrie modernisiert. Unternehmen erhalten seit Anfang 2022 beim Kauf von Automatisierungstechnik wichtige Steuererleichterungen. Über das mit EU-Geldern finanzierte Programm FENG stellt Polen bis 2027 rund 8 Milliarden Euro für moderne Produktionstechnik bereit. In der Vergangenheit stießen ähnliche Subventionen auf großes Interesse. Der deutsche Maschinen- und Anlagenbau konnte dank solcher Fördermaßnahmen neue Kunden in Polen gewinnen. Untersuchungen von Anfang 2022 zeigen, das vor allem die polnische Kunststoffindustrie und die Metallverarbeiter mehr Geld für Investitionen bereitstellen wollen.

Nicht erst seit der Coronapandemie gilt Polens Medizinsektor als unterfinanziert. Bislang liegen die öffentlichen Ausgaben für das Gesundheitssystem bei nur ca. 5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes – deutlich unter dem EU-Durchschnitt. Bis 2027 soll der Anteil auf 7 Prozent steigen. Das entspricht einem Plus von insgesamt 18 Milliarden Euro. Mit den Geldern werden auch neue Geräte für Krankenhäuser und Arztpraxen finanziert. Profitieren können internationale Hersteller von Medizintechnik, wie beispielsweise die Carl Zeiss AG in Jena.

Herausforderungen und Chancen

Natürlich kämpft auch Polens Wirtschaft mit Herausforderungen. Nach Russlands Angriff auf die Ukraine haben sich viele Entwicklungen weiter verschärft. Die Inflation stieg im April 2022 auf 12,3 Prozent. Kredite sind deutlich teurer geworden. Darunter leidet der Konsum. Bauunternehmen und das Transportgewerbe klagen nicht zuletzt aufgrund fehlender Mitarbeiter aus der Ukraine über Fachkräftemangel. Außerdem beschweren sich Firmen branchenunabhängig über unklare rechtliche Rahmenbedingungen. Die Weigerung der polnischen Regierung, Teile einer umstrittenen Justizreform zurückzuziehen, blockiert wichtige EU-Gelder.

Und dennoch: Der Produktionsindex der Industrie Polens wächst seit Monaten im zweistelligen Bereich. Die Beschäftigungszahlen entwickeln sich gut. Der Außenhandelsumsatz zwischen Deutschland und Polen lag in den ersten Monaten 2022 über den Vorjahreswerten.

Die Coronapandemie und der Krieg in der Ukraine haben die Anfälligkeit globaler Lieferketten offengelegt. Die Deutsch-Polnische Industrie- und Handelskammer AHK Polen vermutet, dass Unternehmen in den kommenden fünf Jahren verstärkt auf regionale, statt auf globale Lieferketten setzen werden. Ostdeutschland und Polen können diese aktuellen Herausforderungen nutzen, um noch enger zusammenzuarbeiten.

Der Autor: Christopher Fuß

Christopher Fuss. Foto: GTAI

Christopher Fuß leitet seit Januar 2022 das Büro von Germany Trade & Invest (GTAI) in Warschau.

Er berichtet für GTAI über Marktentwicklungen, Geschäftschancen und Risiken in Polen. Zuvor war Christopher Fuß als Marktberater bei der Deutsch-Polnischen Industrie- und Handelskammer (AHK Polen) tätig. Hier begleitete er deutsche und polnische Unternehmen bei Exportprojekten.

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