Mittwoch, Juli 17, 2024

Ab 2024 geht es wieder aufwärts in Chile

Germany Trade and Invest (GTAI) erarbeitet regelmäßig Wirtschaftsausblicke für wichtige Märkte. In Kooperation mit GTAI veröffentlicht W+M auf der Grundlage dieser Wirtschaftsausblicke Auszüge daraus. Hier der Beitrag zu Chile von Stefanie Schmitt aus Santiago de Chile.

Der Andenstaat vollzieht gegenwärtig einen makroökonomischen Anpassungsprozess. Langfristig sind die Aussichten auf Wachstum gut. Das Interesse ausländischer Investoren hält an.

Die chilenische Wirtschaft läuft aktuell augenscheinlich nicht rund. Nach einem Plus von 2,8 Prozent 2022 sank das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im 1. Quartal 2023 real um 0,6 Prozent. Der Internationale Währungsfonds prognostizierte im April 2023, Chile könne im laufenden Jahr das einzige Land Lateinamerikas sein, in dem die Wirtschaft schrumpft. Ökonomen sehen hierin jedoch einen begrüßenswerten Konsolidierungsprozess nach einem hohen, teilweise überhitzten Wachstum während der Pandemie.

Tatsächlich ist die niedrigere Inlandsnachfrage ein wichtiger Grund für das Minus, so die chilenische Zentralbank. Hiervon entfällt das Gros auf geringeren Privatkonsum sowie ferner auf niedrigere Investitionen durch Unternehmen. Die leicht gestiegenen Staatsausgaben, vor allem in Gesundheit und Bildung, konnten diesen Trend nicht wettmachen.

Wirtschaftliche Entwicklung 2022 bis 2024 in Chile (reale Veränderung gegenüber dem Vorjahr in Prozent)

2022 2023*) 2024*)
BIP 2,4 0,0 1,5
Leistungsbilanz (in % des BIP) -9,0 -4,0 -4,1
Bruttoanlageinvestitionen 2,8 -2,9 -0,7
Privater Verbrauch 2,9 -3,8 0,9

 

*Prognose

Quelle: Banco Central de Chile 2023

Wirtschaftliche Eckdaten Chiles

Indikator 2022 2023* Vergleichsdaten Deutschland
BIP (nominal, Mrd. US$) 300,7 358,6 4.075
BIP pro Kopf (US$) 15.095 17.827 48.630
Bevölkerung (Mio.) 19,9 20,1 83,4
Wechselkurs (Jahresdurchschnitt, 1 US$ = chil$) 873,3 809,7

 

*Prognose

Quellen: Internationaler Währungsfonds 2023; OECD 2023; Statistisches Bundesamt 2023

Skyline of Santiago de Chile. Foto: AdobeStock

Chilenen kaufen weniger Autos und Computer

Seit Beginn 2023 setzt der Handel jeden Monat weniger um als im Vergleichsmonat des Vorjahres. Tatsächlich hatten die Umsätze wegen verschiedener Sonderzahlungen während der Pandemie über dem langfristigen Durchschnitt gelegen. Weniger gekauft werden vor allem dauerhafte Konsumgüter wie Autos, Kühlschränke oder technologische Geräte – die vormaligen Boomprodukte.

Vor allem folgende Aspekte lassen die Chilenen vorsichtiger agieren:

  • das Ende der außerordentlichen Liquidität aufgrund der Coronamaßnahmen von 2020 und 2021,
  • die Abschwächung des Arbeitsmarktes: seit Jahresbeginn steigt die Arbeitslosenquote in der Tendenz an und erreichte zuletzt 8,7 Prozent – und
  • die hohen Zinsen.

Geringerer Privatkonsum nicht unbedingt negativ

Da die gesunkene Nachfrage fast nur Importprodukte betrifft, ändert sich für die inländische Produktion wenig. Für die Handelsbilanz sind sogar positive Effekte zu verzeichnen.

Weniger Konsum hilft außerdem, die Inflation zu verringern. Diese lag mit 9,9 Prozent im April 2023 für chilenische Verhältnisse zwar immer noch hoch, tendiert aber nach unten. Die Zentralbank tut das Ihre zur Geldwertstabilität und hält vorerst an dem 2022 auf 11,25 Prozent erhöhten Leitzins fest.

Regierung fährt Stabilitätskurs

Zugleich gelang es der linken Regierung unter Präsident Gabriel Boric, das Staatsdefizit innerhalb eines Jahres von minus 7,7 Prozent bei Amtsübernahme in ein Plus von zwei Prozent zu drehen. Fiskalisch hält sie sich nicht nur an die bestehenden Regeln, sondern hat überdies die Staatsschulden offiziell auf 45 Prozent des BIP begrenzt.

Diese positiven Entwicklungen sowie der Verlauf des verfassungsgebenden Prozesses spiegeln sich auch in der Wechselkursentwicklung wider: Der Chilenische Peso (chil$) stabilisierte sich gegenüber dem US-Dollar (US$) zuletzt bei um die 800 chil$; 2022 kostete ein US$ zu Höchstzeiten noch fast 1.050 chil$.

Vor diesem Hintergrund geht die Zentralbank für 2023 von einem Wachstum zwischen minus 0,5 und plus 0,5 Prozent aus. Ab 2024 soll Chile dann wieder auf den langfristigen Wachstumspfad mit Zuwächsen zwischen 2 und 3 Prozent einschwenken. Nicht allein, dass sich dann auch die Investitionen des öffentlichen Sektors bemerkbar machen, auch die privaten Investitionen dürften wieder anziehen.

Privatwirtschaft erleichtert über Verfassungsprozess

Tatsächlich hatten sich inländische Unternehmen nach dem Regierungsantritt der Links-Mitte-Koalition unter Gabriel Boric im März 2022 eher reserviert verhalten. Mitunter war sogar von einer drohenden “Venezolanisierung” die Rede. Auch wenn Chile hiervon immer weit entfernt war, ist die Erleichterung in der lokalen Geschäftswelt über die Entwicklung des verfassungsgebenden Prozesses groß: zunächst über die Ablehnung der als realitätsfern empfundenen neuen Verfassung im September 2022 per Volksentscheid und dann im Mai 2023 über den Ausgang der Wahlen zum Verfassungsrat. Dieser soll bis zum Herbst einen neuen Vorschlag für die Verfassungsreform ausarbeiten, über den am 17. Dezember 2023 per Volksentscheid abgestimmt wird.

Bei diesen Wahlen zum Verfassungsrat gewannen die rechtskonservativen Parteien 34 von 50 Stimmen – und damit genau die für Abstimmungen notwendige Zwei-Drittel-Mehrheit. Die Regierungskoalition kam hingegen nur auf 16 Sitze. Jetzt hofft die Wirtschaft auf einen unternehmensfreundlicheren Kurs – speziell im Bereich Bergbau, aber auch in der Renten- und Steuerreform.

Chile bei Auslandsinvestoren hoch im Kurs

Generell sind Chiles Voraussetzungen für die Zukunft günstig: Reiche Vorkommen an Lithium und Kupfer, exzellente natürliche Bedingungen zur Gewinnung von Sonnen- und Windenergie und eine umfassende Integration in die Weltwirtschaft machen das “Land am Ende der Welt” nicht nur für Inlands-, sondern auch für Auslandsinvestoren interessant. Nicht grundlos lag Chile 2022 erneut auf Rang zwei der Top-Destinationen für Auslandsfirmen in Südamerika – nach Brasilien.

Der Andenstaat punktet vor allem

  • durch einen freien Marktzugang für Waren, Dienstleistungen und Investitionen,
  • sein geringes Länderrisiko, unter anderem aufgrund niedriger Staatsschulden (S&P-Kreditrating: A),
  • geringer Korruption (beim Antikorruptionsindex von Transparency International steht Chile regelmäßig an zweiter Stelle in der Region nach Uruguay).

Vor diesem Hintergrund bewegten sich die ausländischen Direktinvestitionen 2022 auf Rekordniveau und zeigen auch 2023 weiter nach oben. Allerdings müssen sich Firmen zunehmend auf Änderungen im regulatorischen Umfeld wie strengere Umweltprüfungen einstellen. Umstritten ist auch die neue nationale Lithium-Strategie, die eine größere Beteiligung des Staates mit sich bringt.

Generell hat sich die Politik Digitalisierung, Energieeffizienz und Nachhaltigkeit auf die Agenda geschrieben. Im Bereich Umwelttechnik und beim Ausbau der Erneuerbaren bestehen viele Chancen für deutsche Firmen. Hintergrund ist Chiles bislang erfolgreiche verfolgte Klimastrategie. Außerdem will sich Chile im Rahmen seiner Grünen Wasserstoffstrategie als weltweit günstigster Anbieter von grünem Wasserstoff aus Wind- und Solarstrom positionieren.

 

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