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W+M-Länderreport Brandenburg: Ein Land im Aufbruch und Umbau – Teil 2/3

Brandenburg wird immer mehr zu einem wichtigen Standort der Bahnindustrie. Auf der anderen Seite wird das Ende der Kohleförderung in der Lausitz zur großen Transformationsaufgabe für Brandenburg. Der exklusive W+M-Länderreport erscheint als Serie in drei Teilen. Von Matthias Salm.

04.04.2023 Teil 1: Tesla, Neues Zentrum der Batterieindustrie, Unsichere Zukunft in der Automobilindustrie, Luftfahrtbranche als Exportschlager

11.04.2023 Teil 2: Wichtiger Standort der Bahnindustrie, Wachstum stößt auf Flächenmangel, Ende der Kohleförderung in der Lausitz

18.04.2023 Teil 3: Chemieindustrie vor großen Herausforderungen, Industrie will klimaneutral werden, Filmstandort Babelsberg international begehrt

Hier beginnt Teil 2/3

Wichtiger Standort der Bahnindustrie

Copyright: Alstom/Bombardier Transportation

Die Bahntechnik mit dem Standort Hennigsdorf verfügt über eine lange Tradition von über  hundert Jahren in Brandenburg. Vor zwei Jahren wurde die dortige Bombardier-Zugsparte von Alstom übernommen, allerdings ist der Standort auch nach der Übernahme immer wieder aufgrund des harten Wettbewerbs vom Stellenabbau bedroht. Auch im Brandenburger Stadtteil Kirchmöser gehört die Bahnindustrie zu den wichtigen wirtschaftlichen Standbeinen. Hier feierte die GBM Gleisbaumechanik Brandenburg/H. GmbH 2022 ihr 20-jähriges Jubiläum. Seit 2002 gehört das Unternehmen zur General Atomics Europe Gruppe. In Kirchmöser wurden seitdem eine Vielzahl von Schienenfahrzeugen für die Instandhaltung des Bahnnetzes wie beispielsweise Gleisarbeitsfahrzeuge entwickelt und hergestellt.

Das Wasserstoffzeitalter läuten die Brandenburger auf der Schiene mit dem Projekt H2BAR ein. Die Niederbarnimer Eisenbahn plant die Umstellung des Zugbetriebs auf der Strecke der Heidekrautbahn auf wasserstoffbetriebene Brennstoffzellen-Triebzüge. Der benötigte Wasserstoff soll zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien stammen und regional erzeugt werden. Die Gesamtinvestitionen für das Vorhaben H2BAR belaufen sich auf rund 110 Millionen Euro.

Foto: Deutsche Bahn AG

Das wohl wichtigste Vorhaben für das Land im Bahnbereich stellt aber das In­stand­hal­tungs­werk der Deutschen Bahn in Cott­bus dar. Ab 2024 wer­den hier Züge der ICE 4-Flot­te ge­war­tet. Das Werk schafft 1.200 neue Ar­beits- und Aus­bil­dungs­plät­ze im Zuge der neuen wirtschaftlichen Ausrichtung der Lausitz. Es wird auf Ba­sis des In­ves­ti­ti­ons­ge­set­zes Koh­le­re­gio­nen fi­nan­ziert. Mi­nis­ter­prä­si­dent Diet­mar Wo­id­ke sieht darin ein Leucht­turm­pro­jekt für den Struk­tur­wan­del in der Lau­sitz: „Die­se Stär­kung des Stand­or­tes ist ein zen­tra­les Ele­ment für die Ent­wick­lung der Lau­sitz hin zur Mo­dell­re­gi­on für Kli­ma­schutz und Wirt­schafts­wachs­tum.“

Wachstum stößt auf Flächenmangel

Brandenburg kann auf ein wirtschaftlich erfolgreiches Jahr 2022 zurückblicken. Die Wirtschaftsförderung Brandenburg hat im abgelaufenen Geschäftsjahr ein Rekordergebnis erzielt. Das Investitionsvolumen von 1,84 Milliarden Euro in 305 Investitions- und Innovationsprojekten ist das höchste seit der Gründung der Wirtschaftsförderung im Jahr 2001. „Das Land ist auf dem Weg, ein neues industrielles Zentrum in Deutschland zu werden“, freut sich Steffen Kammradt und Wirtschaftsminister Jörg Steinbach sieht eine Trendwende. „Der Speckgürtel ist im Prinzip weitgehend gesättigt. Das heißt: Weitere Ansiedlungen gehen immer weiter von Berlin weg.“ Zur Wahrheit gehört aber auch, dass dieser Trend sehr südlastig ausfällt. Während Regionen im Süden und Südosten wie etwa rund um den Flughafen BER boomen, kommt der Aufschwung in der Prignitz, der Uckermark oder in Ostprignitz-Ruppin eher schleppend voran.

Foto: AdobeStock

Auch der brandenburgische Außenhandel hat sich 2022 positiv entwickelt. Die Ausfuhren stiegen im Wert gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 30,6 Prozent. Die Warengruppen mit den höchsten Steigerungen waren die Mineralölerzeugnisse, Lastkraftwagen und Spezialfahrzeuge, Bleche aus Eisen oder Stahl, Halbwaren sowie Luftfahrzeuge. Doch die neue Industrialisierung stößt auch an Grenzen, denn Brandenburg verfügt nur über eine limitierte Zahl entwicklungsfähiger Gewerbeflächen: 911 Bestandsflächen mit insgesamt 2.302 Hektar freien Flächen zählte eine Studie jüngst. Davon sind allerdings nur 767 Hektar sofort vermarktungsfähig. Der Nachteil: Die Flächen fallen überwiegend kleinteilig aus. So sind in den Größenklassen 10 bis 25 Hektar nur noch 21 Standorte verfügbar, in der Größenklasse 25 bis 50 Hektar sechs Standorte.

Ende der Kohleförderung in der Lausitz

Noch wird die Kohle in der Lausitz gefördert, doch der Kohleausstieg 2038 naht, auch wenn die Stromerzeugung aus Kohle im Kraftwerk Jänschwalde aufgrund der Ukraine-Krise wieder hochgefahren wurde. Teile der Bundesregierung drängen nach wie vor sogar auf einen schnelleren Ausstieg. Der Wettlauf mit der Zeit erhöht den Druck auf alle Beteiligten. Die Lausitz Energie Bergbau AG und Lausitz Energie Kraftwerke AG (LEAG) beschäftigt noch rund 7.000 Menschen. Längst laufen im Unternehmen die Pläne zur Umstellung der LEAG auf grüne Energien. Die Lausitzer wollen bis 2030 mit einer GigawattFactory, hinter der sich PV- und Windenergieanlagen mit einer Kapazität von insgesamt sieben Gigawatt verbergen, zu einem der größten Grünstromerzeuger Deutschlands aufsteigen. Dazu plant das Unternehmen, etwa 33.000 Hektar Bergbaufolgeflächen der LEAG-Tagebaue für Wind- und Photovoltaikanlagen zu nutzen. Die LEAG rechnet für den Aufbau der GigawattFactory mit Investitionen von mehr als zehn Milliarden Euro.

Gleichzeitig wandelt sich die Lausitz zum Forschungsstandort für die Energie der Zukunft, sei es in der Industrie oder in der Mobilität. „Es geschieht gerade ungemein viel in der Region“, sagt Prof. Dr. Uwe Riedel, der das 2019 gegründete Institut für CO2-arme Industrieprozesse des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Cottbus leitet. Ein Forschungsschwerpunkt der Cottbuser sind Hochtemperatur-Wärmepumpen auf Basis erneuerbarer Ressourcen für industrielle Prozesse. Sie sollen den Einsatz fossiler Brennstoffe in der Industrie entbehrlich machen.

Foto: Rolls Royce

Neben dem Institut für CO2-arme Industrieprozesse hat das DLR 2021 in der Universitätsstadt auch das Institut für Elektrifizierte Luftfahrtantriebe gegründet. Hier werden emissionsärmere und stärker elektrifizierte Luftfahrtantriebe für zivile Transportflugzeuge gemeinsam mit der BTU Cottbus-Senftenberg, aber auch mit dem Triebwerkshersteller Rolls-Royce konzipiert. Ein großes und prägendes Vorhaben im Strukturwandel der einstigen Kohleregion Lausitz steht allerdings noch nur auf dem Papier – der Lausitz Science Park. Hier haben sich BTU, Fraunhofer-Gesellschaft, DLR, die Leibniz-Gemeinschaft und Unternehmen wie BASF, LEAG und Rolls Royce gemeinsam verpflichtet, einen Technologie- und Innova- tionspark mit den Themen „Energiewende und Dekarbonisierung“, „Gesundheit und Life Sciences“, „Globaler Wandel und Transformationsprozesse“ sowie „Künstliche Intelligenz und Sensorik“ am Rande des BTU-Campus entstehen zu lassen.