Sonntag, Februar 5, 2023

Die Top-Unternehmen der ostdeutschen Chemie #5.2 Sachsen-Anhalt

Die chemisch-pharmazeutische Industrie gehört zu den Eckpfeilern der ostdeutschen Wirtschaft. Ihr steht in den nächsten Jahren ein grundlegender Transformationsprozess bevor, zugleich erschüttert die aktuelle Energiekrise die Branche mehr denn andere.

In der Serie stellt W+M 36 Top-Unternehmen, Chemieparks und Forschungseinrichtungen der chemisch-pharmazeutischen Industrie in Ostdeutschland vor. Jenseits der Leuchttürme sollte aber nicht übersehen werden: Die Basis der Ostchemie wird zu 95 Prozent aus kleinen und mittleren Unternehmen gebildet. Rund 54.500 Beschäftigte haben ihren Arbeitsplatz in der Ostchemie.

Folge 5.2: Sachsen-Anhalt

Sachsen-Anhalt ist das Zentrum des mitteldeutschen Chemiedreiecks mit Global Playern aus aller Welt und einer Vielzahl mittelständischer Unternehmen an traditionsreichen Chemie-Standorten wie Leuna, Schkopau, Zeitz oder Bitterfeld-Wolfen, wo jährlich rund sieben Milliarden Euro Umsatz erwirtschaftet werden. In fünf Chemieparks in Sachsen-Anhalt mit ihren technologischen Synergien und Stoffverbünden als Standortvorteil wird die komplette Wertschöpfungskette der Chemieindustrie abgebildet.

Polymersynthese, Agrochemie oder Fein- und Spezialchemie stehen für das Leistungsangebot der Branche in Sachsen-Anhalt. Die Chemie- und Pharmaindustrie bildet das industrielle Rückgrat des Bundeslandes. Kein Wunder also, dass auch das geplante Großforschungszentrum “Center for the Transformation of Chemistry” in Sachsen-Anhalt angesiedelt wird. Ziel des Forschungszentrums CTC wird sein, eine Kreislaufwirtschaft auf der Basis nachwachsender Rohstoffe oder recycelter Materialien in der Chemie zu etablieren.

IDT Biologika GmbH
Sitz: Dessau-Roßlau
Beschäftigte: 1.600 weltweit
Produkte: virale Impfstoffe, virale Vektoren für Gen- und Immuntherapeutika

Mitarbeiter bei der IDT Biologika im Reinraum. Foto: IDT-Biologika GmbH

Der Auftragshersteller für virale Impfstoffe, virale Vektoren für Gen- und Immuntherapeutika, onkolytische Viren und proteinbasierte Impfstoffe ist aus der traditionellen Impfstoffproduktion am Standort in Dessau-Roßlau hervorgegangen. Im Jahr 2021 feierte die IDT Biologika das 100-jährige Jubiläum in der Entwicklung und Fertigung von Impfstoffen. Bereits 1921 wurden in Dessau das „Bakteriologische Institut der Anhaltischen Kreise“ und 1925 das „Anhaltinische Serum-Institut Dessau“ gegründet.

In den vergangenen zwei Jahrzehnten trug die IDT Biologika GmbH zur Produktion von Impfstoffen gegen Grippe, Pocken, AIDS, Malaria, Ebola, Lassa- und Dengue-Fieber und natürlich zuletzt auch COVID-19 bei. Zu letzterem wurde das Unternehmen vom Pharmakonzern AstraZeneca als strategischer Partner ausgewählt.

Ihre Kapazitäten baut die IDT Biologika gegenwärtig mit Investitionen im dreistelligen Millionenbereich weiter aus. Das  Geld fließt unter anderem in die Installation von bis zu fünf 2.000-Liter-Bioreaktoren. Darin können mittelfristig pro Monat mehrere zehn Millionen Dosen des COVID-19-Impfstoffs von AstraZeneca oder anderer Impfstoffe mit ähnlichen Herstellverfahren produziert werden. IDT Biologika wird damit über die größten Kapazitäten dieser Art in Europa verfügen.

Serumwerk Bernburg AG
Sitz: Bernburg
Beschäftigte: rund 450
Produkte: Human- und Veterinärmedizinprodukte

Das Serumwerk Bernburg wurde bereits 1954 gegründet, ist seit 1992 eine Aktiengesellschaft und gehört heute zu den bedeutenden pharmazeutischen Unternehmen im Land Sachsen-Anhalt. Es produziert Arzneimittel und Medizinprodukte für die Human- und Veterinärmedizin.

Zu den bekannten Produkten der Bernburger gehören die Pulmotin-Erkältungssalbe oder die Wund- und Heilsalbe Pyolysin. Aber auch Infusions- und Spüllösungen für Krankenhäuser und Dialysezentren, Dialyseverbrauchsmaterialien und Tierarzneimittel für landwirtschaftliche Nutztiere und Haustiere werden weltweit von Bernburg in mehr als 90 Länder vertrieben.

DAW SE
Sitz: Köthen und Grimma-Nerchau in Sachsen
Beschäftigte: rund 100 Köthen und 60 in Grimma-Nerchau
Produkte: Baufarben und Lacke

Die DAW ist der größte private Hersteller von Baufarben und Wärmedämmung in Europa. Hinter dem Konzernnamen verbergen sich bekannte Marken wie Alpina und Caparol.

Die Ursprünge des Unternehmens liegen im Odenwald des Jahres 1885 mit dem Abbau von Amphibol und der kurze Zeit später erfolgten Gründung der Deutschen Amphibolin-Werke. 1913 startete die Produktion der ersten kaltwasserlöslichen Leim-Pulverfarbe Alpinaweiß und 1928 die Entwicklung des wässrigen Emulsionsbindemittels Caparol.

1992 übernahm das Unternehmen die Lacufa AG, hervorgegangen aus dem ehemaligen DDR-Kombinat für Lacke und Farben (Lacufa), und damit auch deren Produktionsstätten in Fürstenwalde, Köthen, Rückmarsdorf und Nerchau. Für DAW bedeutete dies zugleich den Zugang zum osteuropäischen Markt.

1998 eröffnete die DAW in Köthen eine hochmoderne Lackfabrik und avancierte damit zum Komplettanbieter von Farben und Lacken, in Nerchau werden Industriefarb- und Additiv-Konzentrate für die Caparol Industrial Solutions GmbH sowie Voll- und Abtönfarben für die Marken Caparol/Alpina und die Premium-Denkmalschutzprodukte produziert.

SKW Stickstoffwerke Piesteritz
Sitz: Lutherstadt Wittenberg
Beschäftigte: rund 860
Produkte: Ammoniak, Harnstoff, Salpetersäure, Stickstoff

SKW Piesteritz Copyright IMG – Investitions- und Marketinggesellschaft Sachsen-Anhalt mbH

Die SKW Stickstoffwerke Piesteritz waren zuletzt in aller Munde. Der Grund: Sie produzieren in großem Umfang AdBlue. Den Dieselzusatz benötigt nahezu jeder Lastwagen in Deutschland. Die Herstellung der Harnstofflösung gilt als energieintensiv und geriet deshalb während der Gaskrise unter Druck.

Die SKW Stickstoffwerke Piesteritz GmbH wurde 1993 gegründet und ist Deutschlands größter Harnstoff- und Ammoniakproduzent für die Industrie. Ammoniak ist ein Vorprodukt in der Düngemittelherstellung sowie für eine Vielzahl chemischer Grundstoffe für die Industrie. Daneben werden Stickstoff-Düngemittel für die Agrochemie hergestellt. Die SKW Stickstoffwerke Piesteritz GmbH ist ein Tochterunternehmen der AGROFERT, a.s., Prag. Sie betreibt Industrie- und Anwendungsforschung und ist Gründungsmitglied des Agrochemischen Institutes Piesteritz, einem An-Institut der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

Die rund 860 Beschäftigten erzielten 2021 einen Umsatz von etwa 860 Millionen Euro. Beheimatet ist das Unternehmen in Deutschlands einzigem Agrochemie-Park in Piesteritz.

Chemiepark Bitterfeld-Wolfen GmbH
Sitz: Bitterfeld-Wolfen
Beschäftigte: rund 80
Produkte: Dienstleistung (Chemiepark-Betreiber)

Der Chemiepark Bitterfeld-Wolfen ist einer der größten deutschen Chemiestandorte mit einer mehr als 125-jährigen Tradition. Hier sind heute mehr als 300 Unternehmen von der Basischemie über die Spezial- und Feinchemie sowie Pharmazie bis hin zu leichtmetall- und kunststoffverarbeitenden Firmen ansässig, darunter Konzerne wie Bayer, Evonik oder Heraeus.

Bereits 1893 ließen sich die Allgemeine Elektrizitätsgesellschaft (AEG), die Chemische Fabrik Griesheim und die Actiengesellschaft für Anilinfabrikation zu Berlin (AGFA) in der Region Bitterfeld-Wolfen nieder. 1936 wurde der erste Farbfilm der Welt in Wolfen hergestellt und die erste Produktionsanlage zur Herstellung von PVC in Bitterfeld gestartet.

1997 wurde die Chemiepark Bitterfeld-Wolfen GmbH gegründet. Als Dienstleister bietet sie den Firmen im Chemiepark u.a. eine optimale Wasserver- und Abwasserentsorgung, eine moderne Grundwasserbewirtschaftung sowie das Verkehrswegesystem und geschlossene Stoffkreisläufe an.

Der Chemiepark Bitterfeld-Wolfen gehört mit mehr als 12.000 Beschäftigten zu den wichtigsten Industriestandorten in Sachsen-Anhalt. Seit 1990 sind rund 4,5 Milliarden Euro in den Standort investiert worden. Gegenwärtig entsteht im Chemiepark Bitterfeld-Wolfen eine neue Fabrik für Batterie-Rohstoffe. Das Werk der AMG Lithium GmbH soll im Jahr 2023 in Betrieb gehen und steht auch für den zukünftigen Kurs des Chemieparks.

Heraeus Quarzglas Bitterfeld GmbH & Co.  KG
Sitz: Bitterfeld-Wolfen
Beschäftigte: rund 400
Produkte: Quarzglas

Heraeus Werk Bitterfeld. Copyright: Heraeus Group

1991 startete Heraeus im Chemiepark Bitterfeld-Wolfen die Massenproduktion von Hohlzylindern aus Quarzglas, die ein wichtiges Vorprodukt zur Herstellung von Glasfasern sind. Synthetisches Quarzglas aus Bitterfeld wird mittlerweile weltweit in der Telekommunikationsindustrie verwendet und erfreut sich gegenwärtig eines wahren Nachfragebooms.

Das Unternehmen will deshalb in Bitterfeld pro Jahr mehrere Tausend Tonnen Glas zusätzlich herstellen und dafür die Beschäftigtenzahl erhöhen. Heraeus ist Technologie- und globaler Marktführer bei synthetischem Quarzglas für Anwendungen in der Telekommunikationsindustrie.

Bayer Bitterfeld GmbH
Sitz: Bitterfeld-Wolfen
Beschäftigte: rund 500
Produkte: Arzneimittel

Bayer-Bitterfeld. Foto: Bayer AG

1991 beschloss der Vorstand der Bayer AG, einen neuen Standort in der traditionellen Chemieregion Bitterfeld zu gründen. Heute ist die Bayer Bitterfeld GmbH Produzent von rezeptfreien Medikamenten, darunter das weltberühmte Aspirin. Mehr als 50 Länder werden von Bitterfeld aus beliefert. Dazu wird die weltweit größte Menge an Aspirin mit einer hoch automatisierten Fertigungsanlage produziert.

Der Standort wird an Bedeutung weiter gewinnen. Bayer will künftig noch mehr freiverkäufliche Medikamente in Bitterfeld-Wolfen herstellen. Dafür entsteht eine neue Produktionsstätte mit Investitionen in zweistelliger Millionenhöhe. Der Start der neuen Anlage ist für den September 2023 geplant. Rund acht Milliarden Tabletten werden bereits heute bei Bayer in Bitterfeld pro Jahr hergestellt.

Nobian GmbH
Sitz: Bitterfeld-Wolfen
Beschäftigte: rund 90
Produkte: Wasserstoff, Salz, Chlor, Natronlauge und Chlormethane

Die Nobian GmbH ist ein in Europa führender Hersteller von Basischemikalien. Das Unternehmen produziert und vermarktet hochreines Salz, Chlor, Natronlauge und Chlormethane – allesamt Ausgangsstoffe für Arzneimittel, Textilien, Dämmstoffe, Hochleistungskunststoffe, für Windkraftanlagen oder Elektroautos.

Nun liefert Nobian als erstes Unternehmen in Deutschland auch grünen Wasserstoff aus einer Chlor-Alkali-Elektrolyse. Bei der Chlor-Alkali-Membranelektrolyse werden die Produkte Chlor, Natronlauge und Wasserstoff unter Verwendung von Sole und Strom gleichzeitig hergestellt. Der grüne Wasserstoff aus Bitterfeld-Wolfen wird mit erneuerbarer Energie produziert und hat eine um 90 Prozent bessere CO2-Bilanz als konventionell hergestellter Wasserstoff aus fossilen Brennstoffen.

Teil 1: Berlin
Teil 2: Brandenburg
Teil 3: Mecklenburg-Vorpommern

Teil 4: Sachsen
Teil 5.1: Sachsen-Anhalt
Teil 5.2: Sachsen-Anhalt
Teil 6: Thüringen

Wird fortgesetzt.

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