Freitag, Dezember 2, 2022

Jürgen Fuchs, der CEO von BASF Schwarzheide: “Die deutsche Industrie braucht Planungssicherheit”

Jürgen Fuchs, Vorsitzender der Geschäftsführung der BASF Schwarzheide GmbH, spricht im W+M-Interview über die aktuelle Energiekrise, die Transformation der Chemieindustrie und die Bedeutung des BASF-Produktionsstandorts für die Lausitz.

W+M: Herr Fuchs, der BASF geht es auch in den aktuellen Krisenzeiten gut. Gilt das auch für das Werk in Schwarzheide?

Jürgen Fuchs: Das erste Halbjahr ist für die BASF-Gruppe sehr gut gelaufen, auch weil wir in der Lage waren, die gestiegenen Rohstoffpreise und Energiekosten weiterzugeben. Die Nachfrage war unverändert hoch und hat auch in Schwarzheide für eine gute Auslastung der Produktionsanlagen gesorgt. Gleichwohl sehen wir die weitere Entwicklung mit gewisser Sorge und stellen uns auf herausfordernde Zeiten ein.

Foto: BASF Schwarzheide

W+M: Welche Gefahren drohen?

Jürgen Fuchs: Schwarzheide ist ein energieintensiver Standort, die Energiekosten machen einen hohen Anteil an unseren Herstellungskosten aus. Nicht nur die Erdgaspreise sind massiv gestiegen, auch die Rohstoffkosten haben sich deutlich erhöht. Die Herstellkosten einiger unserer Produkte haben sich dadurch fast verdoppelt, im Vergleich zum Vor-Krisenniveau. Mit dem Effekt, dass wir zur Zeit bei uns und in der gesamten chemischen Industrie einen Rückgang bei der Nachfrage nach Chemieprodukten spüren.

W+M: Ostdeutschland ist nahezu vollständig vom russischen Gas abhängig. Woher bezieht die BASF in Schwarzheide ihr Gas?

Jürgen Fuchs: Wir beziehen Erdgas von westeuropäischen Lieferanten. Es ist davon auszugehen, dass der regionale Mix des von uns bezogenen Erdgases, dem in Deutschland entspricht. Derzeit erfolgt die Belieferung mit Erdgas an allen europäischen Standorten der BASF bedarfsgerecht, so auch in Schwarzheide. Es gibt aktuell keine gasversorgungsbedingten Abstellungen oder Drosselungen. Sorge bereitet uns der sehr hohe Preis für Erdgas, der um ein Vielfaches gestiegen ist.

W+M: Wie ist BASF Schwarzheide auf mögliche Versorgungsengpässe vorbereitet?

Jürgen Fuchs. Foto: W+M

Jürgen Fuchs: Wir betreiben in Schwarzheide ein eigenes Gas- und Dampfturbinenkraftwerk zur Erzeugung von Wärme und Strom für unsere 13 Produktionsanlagen. Um die Dimensionen zu verdeutlichen: Mit der Energie, die wir hier am Standort erzeugen und verbrauchen, könnte eine Stadt mit ca. 150.000 Einwohnern ein Jahr lang mit Strom und Wärme versorgt werden.

Der Produktionsstandort Schwarzheide hat sich auf Szenarien mit reduzierten Erdgaslieferungen vorbereitet. Wenn die Bundesregierung im Notfallplan Gas die dritte Alarmstufe ausruft, würde Erdgas von der Bundesnetzagentur zugeteilt. Falls wir in diesem Fall weniger Gas beziehen können, benötigen wir alternative Energieträger, um den Standort mit Energie und damit unsere Kunden mit Produkten zu versorgen. Dabei können wir zum einen Strom vom Markt beziehen oder unser Kraftwerk zum Teil mit anderen Brennstoffen, wie zum Beispiel Heizöl betreiben. Nach der jüngst abgeschlossenen Modernisierung könnten wir in unserem Kraftwerk auch Wasserstoff als Energieträger einsetzen, so dieser zur Verfügung stünde. Im August haben wir zudem unseren Solarpark in Betrieb genommen, den wir in Kooperation mit dem Energieversorger enviaM errichtet haben. Es ist das erste Solarkraftwerk industrieller Größenordnung innerhalb der BASF-Gruppe und deckt etwa zehn Prozent des Strombedarfs am Standort ab.

W+M: Deckt sich die Situation bei BASF in Schwarzheide mit der Chemieindustrie insgesamt?

Jürgen Fuchs: Hier sollte man differenzieren. Je nach Energiebedarf, Energieträger oder Produktportfolio ergeben sich unterschiedliche Situationen und damit Lösungsansätze. Wir sehen, dass mittlerweile manche Chemieprodukte zu deutlich niedrigeren Preisen aus dem Ausland importiert werden, als wir sie in Deutschland herstellen können. Und hier rede ich nicht von Unterschieden im zweistelligen Prozentbereich, sondern um Faktoren. Diese Schieflage, insbesondere die um ein Vielfaches günstigeren Erdgas- und Energiepreise in beispielsweise Nordamerika, ist eine Bedrohung für alle energieintensiven Branchen und könnte zu einer De-Industrialisierung in Europa und Deutschland führen.

W+M: Sind diese Risiken der Öffentlichkeit ausreichend bewusst?

Jürgen Fuchs. Foto: W+M

Jürgen Fuchs: Die politische Diskussion fokussiert zurzeit stark auf die Folgen der Inflation und die Belastungen für die Bevölkerung durch hohe Energiepreise. Das ist wichtig, vor allem für den Erhalt des gesellschaftlichen Friedens. Doch wir dürfen darüber nicht die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie aus den Augen verlieren. Die deutsche Industrie braucht wettbewerbsfähige Energiepreise, Versorgungs- und Planungssicherheit.

W+M: Die Energiepreise sind nicht die einzige Bedrohung für die Wettbewerbsfähigkeit. Welche weiteren Herausforderungen sehen Sie?

Jürgen Fuchs: Die chemische Industrie befindet sich inmitten eines kapitalintensiven Transformationsprozesses hin zur Klimaneutralität. Dieses Ziel unterstützen wir als BASF und haben uns in unserem Unternehmenszweck auch der Nachhaltigkeit verschrieben: „Wir machen Chemie, die verbindet, für eine nachhaltige Zukunft.“ Doch auf dem Weg liegen weitere potenzielle Hürden.

Im Green Deal der EU ist eine Chemikalienstrategie verankert. Dies ist ein Paket von mehr als 80 Einzelmaßnahmen mit weitreichenden Auswirkungen. Rund 12.000 Chemikalien sind aller Voraussicht nach davon betroffen – und zwar in allen Lebensbereichen, von Auto, über Haushalt bis hin zu Kosmetik. Viele dieser Stoffe werden wir durch Neuentwicklungen ersetzen – aber das braucht Zeit. Wenn ganze Gruppen von Stoffen auf einen Schlag gesammelt verboten werden, fehlen an vielen Stellen erst einmal wichtige Materialien für Hygiene-, Automobil- oder Bauprodukte. Hinzu kommen die wirtschaftlichen Effekte: Die europäische Chemieindustrie könnte nach einer Abschätzung des unabhängigen Wirtschaftsforschungsunternehmens Ricardo Energy & Environment, bis 2040 mindestens zwölf Prozent an Marktanteilen verlieren. Manchem kleinen und mittelständischen Unternehmen in der Branche zieht das den Boden unter den Füßen weg.

Die deutsche Chemieindustrie sieht sich gegenwärtig geballten Herausforderungen ausgesetzt, die ich persönlich in der Komplexität in rund dreißig Jahren Berufsleben so nicht annähernd erlebt habe. Der Politik muss aber klar sein: Die chemische Industrie ist Grundstofflieferant für fast alle anderen Branchen des produzierenden Gewerbes. Unsere Produkte, sei es in der Herstellung oder der Anwendung, zahlen auf die Nachhaltigkeitsziele erheblich ein. Damit sind wir Schlüsselindustrie und Lösungsanbieter auf dem Weg zu einer klimaneutralen Zukunft.

W+M: Nicht nur die Chemieindustrie sieht sich einem Veränderungsprozess gegenüber, auch Ihr Standort, die Lausitz, befindet sich im Strukturwandel. Welchen Beitrag kann die BASF leisten, um diesen Strukturwandel zu unterstützen?

Jürgen Fuchs: BASF macht sich für seinen Standort in der Lausitz stark und hat dieses Bekenntnis zum Standort auch jüngst in einer Gemeinsamen Erklärung mit der Brandenburgischen Landesregierung erneut bekräftigt. Wir sind für den Süden Brandenburgs und die Lausitz ein strukturbestimmendes Unternehmen und uns dieser Verantwortung sehr bewusst Wir beschäftigen hier etwa 2.100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die erfahren sind im Umgang mit Transformationsprozessen. Daneben arbeiten auf dem Werksgelände weitere 1.500 Personen bei angesiedelten Unternehmen sowie Dienstleistern und Partnern.

Der Standort Schwarzheide ist auf Wachstum ausgerichtet. Die BASF hat sich für Schwarzheide als Standort entschieden, um die erste Fabrik für Kathodenmaterialien in Europa zu bauen. Diese Anlage befindet sich bereits im Bau und wir haben kürzlich den Spatenstich für eine Prototypanlage für Batterierecycling zelebriert. Damit tragen wir nicht nur maßgeblich zum Entstehen der europäischen Wertschöpfungskette für Elektromobilität bei, sondern erhöhen gleichzeitig die Attraktivität für andere Unternehmen, die im Wertschöpfungsnetzwerk Elektromobilität bereits aktiv sind oder es werden wollen, in der Lausitz und in Brandenburg – als Mobilitätsland Europas – zu investieren.

Darüber hinaus pilotieren wir in Schwarzheide die Energiewende für mittelgroße BASF-Standorte und haben uns zum Ziel gesetzt, einer der ersten CO2-neutralen BASF-Produktionsstandorte zu werden. Wir setzen uns auch stark für Aus-, Fort- und Weiterbildung ein und unterstützen mit viel Engagement z.B. den geplanten Bau des Leistungszentrums Westlausitz, einer Einrichtung der überbetrieblichen Bildung, von der rund 80 Unternehmen der Region profitieren könnten, weil sie auf höchstem Niveau zur Fachkräftesicherung beitragen wird.

W+M: Wie schwierig ist es denn, Fachkräfte in die Lausitz zu holen?

Jürgen Fuchs: Unsere Beschäftigtenzahlen steigen. Vor fünf Jahren waren es knapp über 1.700 Beschäftigte, heute sind es ca. 2.100.  Im vergangenen Jahr konnten wir alle offenen Stellen mit entsprechend Qualifizierten besetzen. Die Fachkräftesicherung zählt trotzdem weiterhin zu unseren größten Herausforderungen. Wir bieten attraktive Arbeitsplätze, gute Gehälter, Entwicklungs- und Entfaltungsmöglichkeiten, sinnstiftenden Aufgaben sowie Tarifbindung – aber das alleine reicht heutzutage nicht mehr aus. So fördern wir beispielsweise flexible Arbeitsmodelle, wir setzen auf Digitalisierung, Freude bei der Arbeit, u.v.m. Es braucht aber auch ein lebenswertes Umfeld, mit der entsprechenden Infrastruktur, bezahlbarem Wohnraum, Kitas, Schulen, Anbindung und Freizeitmöglichkeiten.

Wir haben uns viel vorgenommen in Schwarzheide. Wir haben Pläne und Konzepte erarbeitet, wie wir durch die Krise kommen wollen. Wir haben einen Fahrplan zu unserer Transformationsreise mit neuen Produkten und Technologien, indem der Nachhaltigkeitsgedanke zum Treiber für Innovation wird. Wir haben aber vor allem eins: Ein tolles Team in Schwarzheide – und das gibt mir die Zuversicht und den Optimismus, dass wir die großen Herausforderungen meistern werden.

Jürgen Fuchs und W+M-Chef Frank Nehring. Foto: W+M

Interview: Frank Nehring

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