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Das Comeback des Solar Valley

Deutschland will sich mit dem Ausbau der Erneuerbaren Energien aus der Abhängigkeit von Gas- und Ölimporten befreien. Doch auch viele Komponenten für Photovoltaik-Anlagen stammen aus Asien. Nun soll ein Comeback der ostdeutschen Solarindustrie die heimische Produktion von Solarzellen wiederbeleben. Ein Beitrag von Matthias Salm.

Anfang des Jahrtausends reiften in Sachsen-Anhalt wahre Blütenträume. Die Solarindustrie wurde zum Hoffnungsträger für die gesamte ostdeutsche Wirtschaft ausgerufen. Bei einer der Schlüsselindustrien der künftigen Energieversorgung übernahm Ostdeutschland augenscheinlich mühelos die Vorreiterrolle, anstatt sich wie bisher bei den Altindustrien nur im einem mühsamen Aufholprozess gegenüber dem Westen aufzureiben. Mit der Produktion der ersten Solarzelle im Jahr 2001 im Solar Valley getauften Industriegebiet in Thalheim begann der rasante Aufstieg der mitteldeutschen Solarindustrie – dem ein ebenso rasanter Niedergang folgen sollte.

Doch zunächst gesellten sich zu dem Pionier Q-Cells noch weitere Unternehmen in das heute zu Bitterfeld-Wolfen gehörende Solar Valley. Rund 3.500 Menschen beschäftigte die Photovoltaik-Branche in ihren Spitzenzeiten in der Region. Doch der Aufbau einer preisgünstigen Massenproduktion in Asien bereitete dem Solar Valley ab 2009 zunehmend Kopfzerbrechen. Dann ging es Schlag auf Schlag: 2012 war Q-Cells insolvent und wurde vom südkoreanischen Konzern Hanwha übernommen. 2015 endete die Produktion in Sachsen-Anhalt, es verblieben nur die Bereiche Forschung und Innovationen am Standort. Den anderen Unternehmen erging es nicht besser. 2019 schloss mit Solibro der letzte Photovoltaik-Hersteller im Solar Valley seine Pforten.

Abtransport der Solarzellen in Thalheim
Copyright: Meyer Burger AG

Doch der Schlusspunkt markierte zugleich auch einen Neuanfang. Das Schweizer Maschinenbau-Unternehmen Meyer Burger Technology AG erklärte 2020, künftig in Thalheim wieder Solarzellen produzieren zu wollen – nach den zahlreichen herben Rückschlägen ein vielfach kritisch beäugtes Vorhaben. Doch die aktuellen weltpolitischen Ereignisse lassen ein Comeback des Solar Valleys nun realistischer denn je erscheinen. Denn auch die EU will mit einer neuen Photovoltaik-Strategie den Aufbau von Produktionskapazitäten in Europa fördern.

In Thalheim wird nun die von Meyer Burger entwickelte und patentgeschützte Heterojunction/SmartWire-Technologie bei Solarmodulen umgesetzt. Solarzellen auf Heterojunction-Basis versprechen gegenüber herkömmlichen Zellen den Vorteil, dass sie mehr Sonnenlicht in Energie umwandeln können. Die von Meyer Burger in der Schweiz entwickelte SmartWire-Zellverbindungstechnologie erhöht die Leistungsfähigkeit der Module zusätzlich und sorgt für eine überdurchschnittlich lange Lebensdauer, so der Hersteller.

Im hochautomatisierten Vollbetrieb sollen täglich bis zu 200.000 Solarzellen vom Band laufen. Sie werden dann im sächsischen Freiberg zu Solarmodulen verarbeitet. Dort wurde die ehemalige Solarworld-Fabrik umgebaut und auf SmartWire-Fertigungslinien umgerüstet. Mit der Eröffnung beider Fabriken und dem Aufbau der Fertigungs- und Vertriebsorganisationen will Meyer Burger seine Transformation vom reinen Anlagen- und Technologieanbieter zum integrierten Hersteller von Solarzellen und  -modulen vollziehen. Auch wenn der Start angesichts globaler Lieferengpässe und pandemiebedingter Personalausfälle nicht unter optimalen Rahmenbedingungen verlief, wollen die Schweizer den politischen Rückenwind nutzen und ihre Expansionspläne noch zügiger vorantreiben. Gunter Erfurt , CEO von Meyer Burger, prophezeit: „Meyer Burger setzt am historischen Solarstandort Solar Valley einen Meilenstein auf dem Weg Europas zu mehr strategischer Unabhängigkeit bei der Schlüsseltechnologie Photovoltaik.“

Angesichts dieser Nachrichten ging im Sommer letzten Jahres fast schon unter, dass auch Q-Cells weitere 15,5 Millionen Euro in seine globale Forschungs- und Entwicklungszentrale in Thalheim in die Entwicklung von Maschinen und Anlagen der nächsten Generation der Photovoltaik-Technologie investiert.

„Der Wiedereinstieg in die Massenfertigung von Solarzellen am Standort Deutschland stand weit oben auf der Wunschliste der Solarwirtschaft, ihrer Zulieferer und unserer hochkarätigen Forschungseinrichtungen“, begrüßt Carsten Körnig, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Solarwirtschaft (BSW), das Comeback des Solar Valleys. „Durch besonders innovative und damit konkurrenzfähige Produkte, einen hohen Automatisierungsgrad und dadurch sinkende Arbeitskosten sowie einen besonderen Qualitäts-, Service- und Markenanspruch wurde ein Comeback des Solarstandorts Deutschland möglich,“ so Körnig.

Carsten Körnig ist Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Solarwirtschaft.
Copyright: Bundesverband Solarwirtschaft e.V.

Für Körnig zählen ein deutlich wachsender Heimatmarkt und ein klares Commitment der Regierung zur Solarisierung der Energieversorgung zu den weiteren unverzichtbaren Voraussetzungen für eine Renaissance der heimischen Solarindustrie. Der BSW begrüßt daher die Ziele der Ampel-Koalition für ein „Solar-Beschleunigungspaket“ und den Abbau von Marktbarrieren, um die installierte Solarstromleistung in Deutschland bis 2030 mehr als zu verdreifachen. „Der derzeit vorliegende Gesetzesentwurf für eine EEG-Novelle muss jedoch an wichtigen Stellschrauben unbedingt nachgebessert werden, nicht zuletzt, um auch heimischen Qualitätsanbietern die erforderlichen Wachstumsperspektiven im Heimatmarkt zu bieten“, fordert Körnig darüber hinaus.

Firmensitz der Solarwatt GmbH
Copyright: Solarwatt GmbH

Den aktuellen Aufwind verspüren auch südlich des Solar Valleys die sächsischen Modulhersteller. Die Dresdner Firma Solarwatt GmbH hat im September letzten Jahres eine hochmoderne Modul-Fertigungslinie mit einer Produktionskapazität von 300 Megawattpeak in Betrieb genommen. Es ist Europas größte Produktionsanlage für Glas-Glas-Solarmodule. Die Dresdner wollen bis 2023 rund 100 Millionen Euro in die Weiterentwicklung des Unternehmens investieren. Ein Großteil der Summe wird in Sachsen und ganz konkret in Dresden investiert, erklärte das Unternehmen gegenüber W+M. Darüber hinaus fließt das Geld in zusätzliches Personal sowie in die weitere Digitalisierung. Mittlerweile arbeiten insgesamt mehr als 600 Personen für Solarwatt – davon mehr als 400 in Dresden. Bis 2025 soll die Mitarbeiterzahl auf knapp 1.000 Beschäftigte wachsen.

Der Standort in Sachsen biete beste Voraussetzungen, um weiter zu wachsen, so der 1993 gegründete Dresdner Photovoltaik-Hersteller. Die Nachfrage von Kundenseite an Photovoltaik-Lösungen für Eigenheime und das Gewerbe steige immer mehr – und zwar nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Für Geschäftsführer Detlef Neuhaus ist deshalb klar: „Es ist extrem wichtig, dass wir auch hierzulande eine starke Solarindustrie haben, die Innovationen vorantreibt und Lösungen anbietet, mit denen sich die Menschen möglichst schnell und einfach mit sauberer Energie versorgen können.“

Auch die Chemnitzer Heckert Solar GmbH nahm 2021 für 21 Millionen Euro eine neue Fertigungsstätte im thüringischen Langenwetzendorf in Betrieb, in der eine neue Heckert Solarmodulserie produziert werden soll. Vom Wachstum der Solarbranche profitieren nebenbei auch die Zulieferer: die Stringer für die Anlagen in Langenwetzdorf lieferte die teamtechnik Maschinen und Anlagen GmbH aus Freiberg, der Zellcutter wurde zusammen mit dem Chemnitzer Spezialunternehmen 3D-Micromac entwickelt.