Dienstag, Mai 21, 2024

W+M-Serie Internationale Märkte: Frankreich – der verlässliche Markt nebenan

In der W+M-Serie Internationale Märkte kommen Länderexperten von Germany Trade and Invest GTAI zu Wort, die mit ihrer Expertise Impulse für einen stärkeren internationalen Austausch setzen wollen. Hier der Beitrag von Peter Buerstedde aus Paris.

Frankreich ist einer der wichtigsten Märkte für deutsche Unternehmen. Mit der Energie- und Klimawende und der Unsicherheit in den globalen Lieferketten wird die Bedeutung weiter wachsen.

 Mit einem BIP von 2,3 Billionen Euro war Frankreich 2021 nach Deutschland die zweitgrößte Volkswirtschaft in der EU vor Italien und Spanien und lag damit nur leicht hinter dem Vereinigten Königreich. Das Land ist aber für deutsche Exporteure der mit Abstand größte Zielmarkt in der EU. Und auch wenn Frankreich im globalen Ranking deutscher Absatzmärkte in den letzten Jahren von den USA und China überrundet worden ist: für viele deutsche Firmen ist es weiter der Absatzmarkt Nummer Eins.

Die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Deutschland und Frankreich sind eng und in einigen Branchen sind die Verflechtungen besonders stark. Dies gilt etwa für den Flugzeugbau mit Airbus als Herzstück, für die Automobilindustrie, wo OEMs und Teilezulieferer eng über die Grenze hinaus zusammenarbeiten und für den Chemiesektor, wo deutsche Firmen in Frankreich viel investiert haben. Dies sind auch traditionell starke Exportsektoren des Landes. Darüber hinaus ist Frankreich besonders im Export von Luxusgütern mit Großkonzernen wie LVMH, Kering und L’Oréal und auch von Wein und Spirituosen erfolgreich.

Reifer Markt in Bewegung

Frankreich ist ein reifer Markt, wo deutsche Firmen seit Jahrzehnten gut verkaufen und stark investiert haben. Für Neueinsteiger ist es kein einfacher Markt. Er ist anspruchsvoll, erfordert ein starkes Service-Engagement und ist mitunter hart umkämpft. Auch kann sich eine zum Teil wirtschaftspatriotische Klientel auch mal an einem deutschen Anbieter stören.

Aber es bieten sich weiter interessante Chancen und das in ganz verschiedenen Bereichen. Die Digitalisierung und der Onlinehandel haben es deutschen Firmen in den vergangenen Jahren erleichtert, den Markt zu erschließen – sei es über Amazon oder über eigene Webshops wie Zalando, Zooplus und Gerstaecker. Aldi und Lidl expandieren stark im Einzelhandel – Aldi fast sprunghaft durch die Übernahme von über 500 Supermarktfilialen eines Konkurrenten.

Die Energie- und Klimawende eröffnet zahlreiche neue Geschäftsmöglichkeiten. Deutschland und Frankreich stehen hier trotz unterschiedlicher Einstellungen zur Kernkraft denselben Herausforderungen gegenüber. In der Krise hat das Land Konjunkturprogramme mit 130 Milliarden Euro an Förderung aufgelegt inklusive 39 Milliarden Euro aus dem EU-Corona-Wiederaufbaufonds. Damit hat die Regierung die staatliche Förderung für die Dekarbonisierung der Industrie, die energetische Sanierung von Gebäuden sowie den Ausbau erneuerbarer Energien und der Elektromobilität ausgeweitet.

Regierung fördert Reindustrialisierung

Gleichzeitig will sie die Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Industrie verbessern und wenn möglich mit Subventionen nachhelfen, damit wieder mehr im Inland produziert wird. Mit Stand Ende Februar 2022 hat die Regierung 3,5 Milliarden Euro an Fördermitteln bewilligt für Industrievorhaben mit Investitionen von 13,1 Milliarden Euro. Diese werden in den kommenden Jahren umgesetzt und bieten Geschäftschancen für deutsche Maschinen- und Anlagenbauer.

Frankreich ist auch ein Innovationsstandort erster Güte. Präsident Emmanuel Macron hatte bei Amtsantritt 2017 eine Startup-Nation schaffen wollen. Tatsächlich ist in den letzten Jahren dank staatlicher Förderung, die großzügiger ist als in Deutschland, ein Wildwuchs an Neugründungen entstanden. Diese Innovationskraft wird zum Teil bereits von deutschen Firmen durch Übernahmen oder Kooperationen angezapft. Fast im Monatstakt kündigt ein deutsches oder französisches Startup den Markteinstieg im jeweiligen Nachbarland an. Andere deutsche Firmen lassen aufgrund der günstigen Abschreibungsmöglichkeiten in Frankreich forschen.

Großzügige Krisenhilfen treiben Wachstum an

Interessant ist Frankreich auch, weil das Land sich schnell wieder von der Krise erholt hat. Mit real 7 Prozent hat Frankreich 2021 eine der höchsten Wachstumsraten in der Eurozone erreicht. Dabei spielen Aufholeffekte eine große Rolle, da der Konjunktureinbruch 2020 besonders stark war. Allerdings haben auch großzügigere Hilfsmaßnahmen die Erholung beschleunigt. Vor Deutschland hat Frankreich Ende 2021 bereits wieder das Vorkrisenniveau übertroffen. 2022 werden sich die Nachholeffekte beim Konsum und den Investitionen langsam abschwächen. Daher dürfte das Wachstum auf etwa 3 Prozent zurückfallen.

Wie in Deutschland belasten seit Anfang 2021 Lieferengpässe vor allem die Schlüsselbranchen Automobilindustrie und Flugzeugbau. Lösen sich die Lieferengpässe auf, könnte die Produktion hier 2022 wieder kräftig zunehmen. Die Instabilität in den globalen Lieferketten hat aber viele deutsche Unternehmen aufgeschreckt. Nicht zuletzt deshalb dürfte Frankreich als großer verlässlicher Markt in unmittelbarer Nachbarschaft in Zukunft noch an Bedeutung gewinnen.

 

Der Autor: Peter Buerstedde

Peter Buerstedde. Foto: GTAI

Peter Buerstedde berichtet seit 2019 aus Paris für die GTAI. Zuvor war er ebenfalls für die GTAI an den Standorten Belgrad, Caracas und Mexiko-Stadt im Einsatz.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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