Mittwoch, Juli 17, 2024

W+M-Ratgeber: Die 44 Fallen der Digitalisierung und wie wir alle sie vermeiden

Digitalisierung ist eines der Themen, die wir heute in Politik und Wirtschaft heiß diskutieren, denn davon hängt maßgeblich die erfolgreiche Zukunft unserer Wirtschaft ab. Oft wird dabei vergessen, dass gerade die Digitalisierung in den Unternehmen sehr konkret ist und jeden Unternehmer vor große Herausforderungen stellt. Nicole Gaiziunas hat ein bemerkenswertes wie praktisches Buch mit dem Titel “Die 44 Fallen der Digitalisierung verfasst. W+M hat die Autorin interviewt.

W+M: Für wen haben Sie das Buch geschrieben?

Nicole Gaiziunas

Nicole Gaiziunas: Mein Buch richtet sich an alle, die sich wundern, dass es mit der Digitalisierung nicht so recht vorangeht. Dazu zählen beispielsweise Berater*innen, die Erklärungen für Digitalisierungsprobleme brauchen, aber auch Führungskräfte, die sich beim Lesen gern selbst ertappen dürfen. Denn nur wenn wir Hindernisse erkennen, können wir sie überwinden. Ich habe das Buch aber auch für mich selbst geschrieben, um meine Erfahrungen der letzten Jahre zu ordnen und systematisch zu fixieren – denn eines ist mir aufgefallen: Die Fallen wiederholen sich über verschiedenste Branchen und Unternehmen hinweg. Höchste Zeit also, dass wir anfangen, offen über sie zu sprechen, damit wir endlich den Digitalturbo einlegen können.

W+M: Warum sollen Menschen, denen das Thema Digitalisierung Druck macht, zu diesem Buch greifen?

Nicole Gaiziunas: Mein Buch kann genau diesen Menschen helfen, ihre Druck- und Angstgefühle schrittweise abzubauen. Der erste Schritt dafür ist, zu verstehen, dass sie damit nicht allein sind: Es gibt enorm viele Menschen, die mit der Digitalisierung hadern. Ich möchte sogar behaupten, dass der Großteil das tut. Und das ist völlig verständlich, denn streng genommen ist Digitalisierung eben ein riesiger und rasanter Umbruch – eine Krise. Und in Krisenzeiten Druck zu verspüren, ist völlig normal. Wichtig ist nur, dass man nicht in eine Schockstarre verfällt, sondern nach Lösungen sucht, um aus den rauen wieder in sichere Fahrwasser zu navigieren. In meinem Buch finden Leser*innen daher nicht nur Bestätigung dafür, dass sie mit ihren Problemen nicht allein sind, sondern auch ganz praktische Tipps, um damit umzugehen und selbstbewusst in die digitale Zukunft aufzubrechen.

W+M Was ist aus Ihrer Sicht das Hauptproblem für Unternehmer, sich der Digitalisierung zu stellen?

Nicole Gaiziunas: Ein großes Problem besteht in der Überforderung und einer gewissen Ahnungslosigkeit auf Entscheider*innenebene. Sie wissen schlichtweg nicht, wie sie das Thema angehen sollen, da es so groß und vielschichtig wirkt. Doch das viel gravierendere Problem besteht in Folgendem: Diejenigen, die bei dem Thema Unsicherheit verspüren, geben nur sehr ungern zu, dass sie Hilfe benötigen. Dabei müssen auch Menschen in Führungspositionen nicht alles wissen – sie sollten nur wissen, wen sie fragen sollten. Es gibt Expert*innen, die beim Thema Digitalisierung unterstützen und passende Strategien für die betroffenen Unternehmen entwickeln – und übrigens auch bei passenden Förderanträgen unterstützen können. Wer die Scheu ablegt, sich bei der Digitalisierung unter die Arme greifen zu lassen, hat eines der größten Probleme schon aus dem Weg geräumt.

W+M: Was hat es mit dem digitalen DU auf sich. Versteht man das Thema dann tatsächlich besser?

Nicole Gaiziunas: Das digitale „Du“ kann aus meiner Sicht eine gewisse Nähe zwischen den Betroffenen schaffen: Und das sind wir ja alle. Es bietet eine Möglichkeit anzuerkennen, dass Digitalisierung nicht nach Rang und Namen diskriminiert: Sie trifft alle – von Mitarbeitenden am Fließband bis zur Führungsebene. Und genau deshalb kann sie nur im Schulterschluss bewältigt werden. Wozu also unnötige Distanz mit einem förmlichen „Sie“ aufbauen, wenn wir doch alle von den Auswirkungen betroffen sind?

W+M: Brauchen wir vielleicht für die Digitalisierung ein oder mehrere neue Worte?

Nicole Gaiziunas: Im Zusammenhang mit Fortschritt werden wir immer wieder neue Worte und Bezeichnungen brauchen – denn wir haben es mit neuen Prozessen und Abläufen zu tun. Im Falle der Digitalisierung fällt mir beispielsweise der Begriff „Reskilling“ ein, den ich für geradezu elementar halte: „Reskilling“ meint die Neuqualifizierung für digitale Jobprofile und hat für mich großes Potenzial, den vieldiskutierten Fachkräftemangel zu bewältigen. Dafür sollten wir zunächst anerkennen, dass wir gar keinen Mangel an Fachkräften, sondern einen Qualifizierungsmangel in Deutschland haben – fähige und loyale Mitarbeitende gibt es in den Unternehmen meist schon. Wir müssen sie nur für die neuen Jobprofile qualifizieren und könnten so auch dem Stellenabbau in weniger digitalen Bereichen entgegenwirken.

W+M: In Ihrem Buch nennen Sie 44 Fallen. Welche sind Ihre Lieblingsfallen?

Nicole Gaiziunas: Eine meiner Lieblingsfallen ist ganz klar die Reskilling-Falle. Wie eben schon erklärt, meint Reskilling die Neuqualifizierung der bestehenden Belegschaft für digitale Jobprofile und bietet Unternehmen gute Perspektiven, um Mitarbeitende zu behalten und gleichzeitig ihr digitales Profil zu stärken. Doch auch wer sein Team digital fit machen will, kann in eine Falle tappen, wenn er nicht alle nötigen Stakeholder:innen innerhalb des Unternehmens mit ins Boot holt. Wenn sich beispielsweise ein Automobilhersteller entscheidet, seine Mechatroniker:innen neu zu qualifizieren, sollte er diesen Schritt nicht nur mit den betroffenen Mitarbeitenden besprechen. Auch die direkten Vorgesetzten und der Betriebsrat müssen in die Planung mit einbezogen werden. Wer sich übergangen fühlt, zückt sonst sehr schnell die Blockade-Karte – obwohl er gegen die Qualifizierungsmaßnahme grundsätzlich nichts einzuwenden hätte.

Interview: Frank Nehring

Die Autorin: Nicole Gaiziunas ist Gründerin der Berliner XU Group GmbH, Mitautorin der XU Exponential University of Applied Sciences – Deutschlands erster Hochschule mit Fokus auf Digitalisierung  und neue Technologien – und Expertin für Digital Education.

Das Buch: Die 44 Fallen der Digitalisierung, …und wie wir alle sie vermeiden. Haufe, 215 Seiten, 39,95 Euro, ISBN 978-3-648-15643-8

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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