Erneuerbare Energien sind eine Chance für Ostdeutschland!

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Die 50Hertz Transmission GmbH, Übertragungsnetzbetreiber für Ostdeutschland, Berlin und Hamburg, will bis zum Jahr 2032 in ihrem Versorgungsgebiet 100 Prozent der Stromnachfrage aus Erneuerbaren Energien decken. Stefan Kapferer, Vorsitzender der  Geschäftsführung von 50Hertz, äußert sich im W+M-Interview über die klima- und industriepolitische Initiative seines Unternehmens und den Stand der Energiewende in Ostdeutschland.

W+M: Herr Kapferer, der Klimaschutz steht derzeit in der öffentlichen Wahrnehmung im Schatten der Corona-Pandemie. Wie beurteilen Sie vor diesem Hintergrund den aktuellen Stand der Energiewende?

Stefan Kapferer: Die Herausforderungen des Klimawandels sind auch in der Corona-Krise keinesfalls kleiner geworden. Lange Zeit wurde ja vor allem über die Ziele der Energiewende diskutiert. Mittlerweile sind diese klar definiert: Europa soll im Jahr 2050 ein klimaneutraler Kontinent sein. Wir diskutieren jetzt nicht mehr über die Ziele, sondern über geeignete Technologien zu deren Erreichung. Für Unternehmen wie 50Hertz, die für solche Fragen die nötige Expertise besitzen, bietet das viele Chancen, sich in den Prozess einzubringen.

W+M: Gegenwärtig werden in der Politik auch Stimmen laut, die einer wirtschaftlichen Erholung nach der Corona-Pandemie Vorrang vor einem nachhaltigen Umbau der Wirtschaft geben wollen. Teilen Sie diese Auffassung?

Stephan Kapferer, 50 Hertz.Foto: W+M

Stefan Kapferer: Den Prozess der Transformation jetzt zurückzustellen, wäre eine falsche Entscheidung. Wirtschaftliches Wachstum wird ja u.a. aus dem Umbau des Energiesystems entstehen. Das wissen auch die Unternehmen: Die energieintensiven Branchen in Ostdeutschland – ob Stahlhersteller, Automobilproduzenten oder die Chemieindustrie – haben sich allesamt dem Ziel verschrieben, klimaneutral zu wachsen. Eine andere Frage ist, welche Förderung die Wirtschaft in der gegenwärtigen Situation benötigt, um diese Transformation leisten zu können. Da sind beispielsweise das Wasserstoffprogramm der Bundesregierung oder die Fördermittel für den Aufbau der Ladeinfrastruktur sicherlich wichtige und richtige Maßnahmen.

W+M: Trotzdem beklagen Kritiker, die Energiewende komme nicht schnell genug voran. Was sind Ihrer Ansicht nach die größten Hemmnisse?

Stefan Kapferer: Das größte Problem bleibt weiter die Bezahlbarkeit und die Frage, wie teuer der Strom am Ende sein wird. Aber: Mittlerweile gibt es auch Betreiber von Erneuerbare-Energien-Anlagen, die keine Subventionen unter Einschluss der EEG-Umlage benötigen. Das ist ein sehr guter Trend.

W+M: Zur Energiewende zählt auch der umstrittene Kohlekompromiss. Sie waren Mitglied der Kohlekommission. Wie bewerten Sie deren Entscheidung heute?

Foto: 50Hertz

Stefan Kapferer: Ich halte den Kohlekompromiss nach wie vor für ein gutes Ergebnis. Die Kritik – etwa an den hohen Kosten des Kohleausstiegs – teile ich so nicht. Der größte Teil der veranschlagten Mittel fließt in den Strukturwandel in den Kohlerevieren. Es ist sinnvoll investiertes Geld, denn vor allem die Lausitz braucht Entwicklungsperspektiven. Diese Investitionen wären auch notwendig geworden, hätten wir einen anderen Fahrplan zum Kohleausstieg beschlossen.

W+M: Was bedeutet der Kohlekompromiss konkret für Ihr Unternehmen?

Stefan Kapferer: Für uns stellt sich die Frage, wie sich die betriebswirtschaftliche Situation der Kohlekraftwerke entwickelt und ob sie wirklich noch bis 2038 am Netz sein werden. Als Übertragungsnetzbetreiber sind wir für die Stabilität des Systems und die Versorgungssicherheit verantwortlich, deshalb beobachten wir diese Entwicklung sehr genau.

W+M: In anderen europäischen Ländern erfährt die Nutzung der Atomkraft gegenwärtig eine Renaissance. Sehen sie darin auch eine Option für den deutschen Energiemarkt?

Stefan Kapferer: Ich sehe hierzulande keinen Kraftwerksbetreiber, der ein Interesse hätte, die Laufzeiten zu verlängern. Abgesehen von der ablehnenden Haltung der Bevölkerung gegenüber dieser Energieform ist der Bau neuer Atomkraftwerke auch wegen der immensen Kosten keine Alternative.

 W+M: Ostdeutsche Länder wie Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern galten lange Zeit als Vorreiter der Energiewende. Haben Sie diese Position eigentlich mittlerweile eingebüßt?

Stefan Kapferer: In Brandenburg kann ich eine solche Entwicklung nicht erkennen. Alleine die Nachfrage nach Solarpark-Projekten in Brandenburg ist so groß, dass sie gar nicht alle verwirklicht werden können. Mecklenburg-Vorpommern als vergleichsweise dünn besiedeltes Land liegt hingegen bei der Nutzung der Onshore-Windkraft im bundesweiten Vergleich nur im Mittelfeld. Hier gibt es in der Tat noch Luft nach oben.

W+M: Welche Chancen und Risiken ergeben sich denn aus der Energiewende für den Wirtschaftsstandort Ostdeutschland?

 Stefan Kapferer: Die Energiewende bietet für Ostdeutschland vor allem Chancen. Wer hätte etwa vor fünf Jahren die Prognose gewagt, dass sich ein Konzern wie Tesla für Brandenburg als Standort entscheidet. Für Ostdeutschland sprechen viele gute Gründe: Es existiert eine exzellente klassische Infrastruktur, Unternehmen finden hier hochqualifizierte Arbeitskräfte und in Städten wie Berlin, Jena oder Dresden hat sich eine sehr vitale Start-up-Szene entwickelt. Dazu haben wir im Versorgungsgebiet von 50Hertz einen der höchsten Anteile an Erneuerbaren Energien in ganz Europa. Und der wird weiter wachsen: durch die Anbindung der Offshore-Windkraft in der Ostsee und die Flächenverfügbarkeit für zusätzliche Solar- und Windkraftanlagen. Das verschafft Ostdeutschland Wettbewerbsvorteile gegenüber anderen Regionen Deutschlands.

W+M: Wie wird Ostdeutschland von diesen Vorteilen profitieren?

Stephan Kapferer, 50 Hertz . Foto: W+M

Stefan Kapferer: Es war sicher etwas zu kurz gesprungen, dass früher ein Stück weit der Eindruck erweckt wurde, die Energiewende schaffe ausschließlich unmittelbar direkte Arbeitsplätze. Das tut sie natürlich auch. Noch wichtiger aber sind die mittelbaren Effekte. Die Möglichkeit, den Strombedarf zu 100 Prozent aus Erneuerbaren Energien zu decken, steigert die Attraktivität eines Wirtschaftsstandorts für viele energieintensive Unternehmen. Das ist die Zukunft. Mit unserer Initiative „Von 60 auf 100 bis 2032“ möchten wir als Netzbetreiber unseren Anteil zu dieser Entwicklung leisten.

W+M: Welches Ziel verfolgen Sie konkret mit dieser Initiative?

Stefan Kapferer: Wir wollen bis zum Jahr 2032 den Strombedarf zu 100 Prozent aus Erneuerbaren Energien decken und dieses volatile Stromangebot vollständig in das System integrieren. Dazu gehört beispielsweise, dass wir neue Ansätze in der Systemführung entwickeln, um das Netz auch bei steigenden Mengen erneuerbaren Stroms weiterhin sicher zu fahren. Dabei spielt die Digitalisierung eine wichtige Rolle, freie Übertragungskapazitäten im Netz zu erkennen und dann auch zu nutzen.

 W+M: An wen richten Sie sich mit dieser Initiative?

50Hertz Netzquartier. Foto: 50Hertz

Stefan Kapferer: Da gibt es verschiedene Zielgruppen. Zunächst einmal soll unsere Initiative eine Wirkung nach innen entfalten. Wir wollen europaweit federführend sein bei Technologien zur Netz- und Systemstabilität. Wir wollen aber auch nach außen eine aktive Rolle einnehmen. So planen wir beispielsweise eine Studie um herauszufinden, wo in unserem Netzgebiet noch freie Kapazitäten für die Einbindung Erneuerbarer Energien vorhanden sind. Diese Daten wollen wir Investoren transparent zugänglich machen, um ihnen Investitionsentscheidungen zu erleichtern. Darüber hinaus wollen wir Politik und Investoren unsere Erfahrungen in der Kommunikation mit der Öffentlichkeit weitergeben. Wir wissen, je früher und transparenter man Energieprojekte kommuniziert, desto eher lässt sich eine Zustimmung der Bevölkerung gewinnen.

Interview: Frank Nehring und Matthias Salm

 

Das Unternehmen: 50Hertz Transmission GmbH

Als einer von vier Übertragungsnetzbetreibern in Deutschland sorgt 50Hertz für den Stromtransport in Ostdeutschland, Berlin und Hamburg – einem Einzugsgebiet mit rund 18 Millionen Menschen. Bei der Einspeisung von Strom aus erneuerbarer Energieerzeugung erreichen die Berliner im weltweiten Vergleich Spitzenwerte. 2019 lag der Anteil bei 60 Prozent. Dies stellt aber auch eine große Herausforderung für die Steuerung des Stromnetzes dar. 50Hertz versteht sich deshalb als ein „Labor der Energiewende“. Dieses Image wirkt sich auch auf die Attraktivität des Unternehmens aus. „Die strategische Ausrichtung von 50Hertz und unsere Rolle bei der Energiewende machen unser Unternehmen attraktiv für neue Mitarbeiter“, weiß Geschäftsführer Stefan Kapferer, der gegenwärtig rund 1.200 Beschäftigten vorsteht. Kapferer prophezeit: „50Hertz wird weiter wachsen.“

 

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