Neue Bundesländer 2035 – neue Chancen – Teil 1/3

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Deutschland geht unsicheren Zeiten entgegen. Ein „Weiter so!“ hat schlechte Karten. Gerade in den wirtschaftlich schwächer entwickelten neuen Bundesländern zeigen sich die Erosionen und Brüche deutlicher als im Rest der Republik. Andererseits bieten sich die 100.000 Quadratkilometer Ost gerade jetzt für die Entwicklung und Umsetzung neuer Denkmodelle an. In unserer dreiteiligen Beitragsfolge vermittelt der Münchner Zukunftslotse Thomas Strobel aus seiner Erfahrung mit Zukunftslandkarten ein chancenorientiertes „Bauchgefühl von morgen“.

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Die Spezifik der neuen Länder ist vielseitig – und immer wieder (und doch vielleicht noch zu selten?) Ausgangspunkt für letztlich erfolgreiche Experimente. So hatte das Bundeswirtschaftsministeriums 2004 mit NEMO (Netzwerkmanagement Ost) zwischen Rostock und Radebeul eine neues Förderprogramm getestet, das leicht modifiziert wenige Jahre später Bestandteil des Zentralen Innovationsprogramms Mittelstand (ZIM) für ganz Deutschland wurde. Auf diesen Erfahrungen fußen bis heute einige Hundert Netzwerke, deren Aufgabe es ist, die kleinteilige mittelständische Industrie mit benachbarten Forschungseinrichtungen in Projekten zu vernetzen, um so gemeinsam Innovationen für die Wertschöpfung von morgen zu schaffen.

Thomas Strobel Foto: Bayern innovativ

Ich erinnere mich auch an den vor knapp 30 Jahren entstandenen Einigungsvertrag, der die Industrieforschung Ost mit fast 90.000 Ingenieuren und Technikern schlechtweg vergessen hatte. Die Folge war die massenhafte Gründung unabhängiger und privatwirtschaftlich organisierter Forschungseinrichtungen als damals vollkommen neuer Bestandteil der deutschen Forschungslandschaft. Auf Initiative der Ost-Institute haben sie sich mit ihren westdeutschen Pendants 2015 zur ZUSE-Forschungsgemeinschaft zusammengeschlossen – und spielen inzwischen im Orchester von Fraunhofer-. Leibniz- & Co-Gesellschaften hörbar mit.

Wie sinnvoll ist eine Master-Strategie für den Osten?

Wie kann man heute für den inhomogenen Osten, wo die Lausitz schlecht mit der Küstenlinie und diese wiederum kaum mit den Regionen um Dresden, Jena oder dem Berliner Speckgürtel zu vergleichen ist, eine Strategie mit Blick in Richtung 2035 aufstellen? Das könnten sich die fünf Ministerpräsidenten jeweils für ihr Bundesland vornehmen; besser jedoch wäre es – gemeinsam und konzertiert – dazu eine Art Master-Strategie zu entwickeln. Sie könnte die Grundlage bilden, um damit endgültig einen Identitätswandel von „abgehängten Ländern“ hin zum „Zukunfts-Osten“ zu gestalten.

Stichworte wie Überalterung, autonomes Fahren, Smart Living, Klimaneutralität, Kreislaufwirtschaft usw. weisen heute schon auf die entstehenden Bedarfe von morgen hin.

Eine gemeinsam erarbeitete Zukunftsvision, aus der zielführende Strategien und schlüssige Maßnahmen für die Kommunikation und die Umsetzung erfolgversprechender Entwicklungen abgleitet werden können, wäre ein zukünftiger Wettbewerbsvorteil gegenüber dem Westen im „Schnarchland Deutschland“ – Zitat BDI-Präsident Kempf. Der Osten mit seiner Andersartigkeit, seinem wirtschaftlichen Nachholbedarf, seinem beträchtlichen Innovationspotenzial gerade junger Menschen sowie den oft eher auf Osteuropa und Asien denn auf Frankreich oder die USA ausgerichteten Mentalitäten hat andere Stärken. Genau das ist die Chance, zunächst für die noch 16 Millionen Verbliebenen und neu Zugezogenen Zukunftsvisionen zu entwickeln, von denen später auch die alten Bundesländer profitieren könnten.

Oberstes Ziel dabei muss es sein, im 360 Grad-Rundumblick auf erkennbare Trends und Bedarfe einer nachhaltigeren Lebensweise Zukunftsfragen zu formulieren und heute schon erste Antworten darauf zu finden. Welche Wettbewerbsvorteile hat der Osten gegenüber West und noch weiter Ost? Welche Chancen ergeben sich auch jenseits der betroffenen Braunkohleregionen im Zuge der Transformation und Umwidmung dieser Areale? Wie lässt sich Carbonbeton, um eine fast originäre ostdeutsche Forschungsleistung zu benennen, in den neuen Ländern selbst nutzbringend einsetzen? Warum hätte gerade Mecklenburg-Vorpommern ideale Voraussetzungen für automatisiertes oder autonomes Precision Farming, um nur ein Beispiel zu nennen? Und: Warum sollten in einer Zukunftsregion nicht auch Zukunftsberufe verstärkt entwickelt und in die Praxis Eingang finden?

Zukunftslandkarten und Retropolation

Retropolation Grafik Foto: fenwis

Wie können sich die unterschiedlichen ostdeutschen Regionen mittelfristig auf die heute noch unübersehbaren Anforderungen der kommenden 20er- und 30er-Jahre am besten einstellen? Die Frage, ob man von Entwicklungen und Ereignissen getrieben handelt oder vorausschauend die Zukunft mitgestaltet, stellt sich aus meiner Zukunftslotsen-Sicht nicht. Vor dem Hintergrund der konkurrierenden Einflüsse aus Globalisierung, Digitalisierung, interdisziplinärer Lösungen und branchenübergreifender Zusammenarbeit, ist es nicht nur für den Osten existenziell, erfolgversprechende Verkehrs-, Energie- und Wirtschaftskreisläufe, neue Beschäftigung und innovative Geschäftsmodelle vorzudenken. Genau das hielten bereits die alten Griechen vor 2.500 Jahren für zielführend.

„Es ist nicht unsere Aufgabe, die Zukunft vorauszusagen, sondern darauf vorbereitet zu sein“

„Es ist nicht unsere Aufgabe, die Zukunft vorauszusagen, sondern darauf vorbereitet zu sein“, gab damals der Athener Staatsmann Perikles die Linie vor. Mit Ausnahme der heutigen Großkonzerne und vielleicht des Club of Rome hat sich bis dato kaum jemand solche systematische Zukunftsvorsorge leisten wollen.

Das ist weniger eine Frage des Geldes, sondern eine Frage des Wollens. Zentrale Frage dabei: Wollen wir mit praxisbewähren Methoden eine von unabhängigen Experten moderierte Zukunftsvorschau in die nächsten Jahrzehnte antreten? Ist vielleicht „vorausschauendes Fahren“ im Zusammenspiel von Politikern und Unternehmern besser als Vollgas mit beschlagenen Scheiben? Mit der Methodik „Retropolation“ (siehe Grafik) wird dabei nach einer gemeinsamen Zeitreise auf eine fernere Zukunft 2050 geschaut. Von dort ist dann ein „Rückblick“ auf die dafür notwendigen Voraussetzungen im Jahr 2035 möglich.
Mein Vorschlag in diesem Zusammenhang: Beispielhaft für drei multiplizierbare Fälle Zukunftslandkarten zu schaffen: Altmark als Entvölkerungsraum, Gera als Mittelzentrum, Görlitz als Grenzstadt.

Verantwortliche für Zukunftsfragen

Foto: Timo Klostermeier/pixelio.de

Doch wer denkt sich im Namen der fünf Bundesländer Ost bereits so weit in das Morgen hinein – Banken, Wirtschaftsweise, Industrie- und Branchenverbände, die Wirtschaftsvereinigungen oder Stiftungen von Parteien? Wie wäre es – und das wäre dann eine ostdeutsche Besonderheit ersten Ranges -, wenn die fünf Länder als erstes Zukunftsschmieden einrichteten: runde Tische, moderiert von unabhängigen Experten, um mutige Zukunftsentwürfe unter Mitwirkung hier ansässiger Wissenschaftseinrichtungen und vor allem auch von Studenten und Jugendlichen als naheliegende Gestalter dieser Veränderungen anzudenken? Es gibt bereits Gleichstellungs- und Ausländerbeauftragte – warum nicht auch einen koordinierenden Zukunftsbeauftragten auf Landes-, Regional- oder Stadtebene?

Ein Zukunftslotse kann methodisch und inhaltlich den Weg zum vorrausschauenden, zukunftsorientierten Denken nach dem Motto „Freiheit vor Milliarden Gehirrnzellen“ eröffnen, bevor nach einer Rückschau auf die Gegenwart (Retropolation) der tatsächlich einzuschlagende Weg ausgearbeitet, formuliert und in der Umsetzung angegangen wird. Eine solche Funktion hätte – will man Zukunftschancen und -potenziale erkennen – viele Vorteile. Diese Personen könnten unter Anleitung und vor allem im Team mit regionalen Experten zunächst Zukunftsbilder „created in East-Germany“ als Diskussionsgrundlage entwickeln und daraus mit Hilfe der Retropolation erfolgversprechende Maßnahmen für die nachhaltige Entwicklung ihrer Territorien ableiten.

Sinn und Zweck von Zukunftslandkarten

Fällt ein Stein ins Wasser, schlägt er konzentrische Wellen. Lässt man den Film rückwärtslaufen, so scheint die Umgebung im Kreismittelpunkt zusammenzufließen. Dieses Bild beschreibt den Sinn und Zweck von Zukunftslandkarten ganz gut: Welchen Einflüssen ist der Osten, das Bundesland X oder der Landkreis Y demnächst ausgesetzt? Fakt ist: Globale und interdisziplinäre Trends werden in den nächsten 15 Jahren mehr denn je dann wirklich jeder Kommune, jedem Regierungsbezirk und jedem Bundesland beständig zu koordinierende Handlungsentscheidungen aufzwingen. Deshalb sollte frühzeitig ein Netz von vorausschauend denkenden Zukunfts“arbeitern“ mit entsprechenden Teams dahinter etabliert werden.

Lehren aus der Zukunftsarbeit für die Industrie

Ein solches Herangehen haben wir unter Beteiligung von jeweils 80-100 interdisziplinären Experten im Auftrag der Industriezweige Textil (2012) und Papier (2015) mit riesigem Erkenntnisgewinn praktiziert. Beim anderthalbjährigen textilen Zukunftsexkurs „Perspektiven 2025“, um ein Beispiel zu erläutern, wurden in fünf Workshops hunderte Ideen für die Nutzung bestehender textiler Lösungen sowie für neue Anwendungsfelder formuliert. Zum Ende lagen 133 innovative Ideen für neue textilnahe Anwendungen und 120 neue Möglichkeiten für branchenübergreifende Anwendungen solcher damals neuer Materialien wie eTextilien oder Textilbeton vor. Grundlage dafür war das Motto: „Das Denkbare machen, statt das Machbare denken!“ Aus der Sicht von heute sind mehrere der damals angedachten Innovationen längst am Markt angekommen, darunter verschiedene Formen von Leuchttextilien. Auch als branchenübergreifend tätiger Zukunftslotse staune ich, wenn die prognostizierte Zukunft schneller in der Realität ankommt als erwartet.

Die Automobilindustrie beweist: Traditionelles Können ohne Zukunftsvorschau führt auch ohne Abgasskandal zur Schieflage.

Experimentierfeld als Chance
Wie mit dem NEMO-Beispiel eingangs angedeutet, könnten die veränderungserprobten Ostdeutschen einige sich heute schon abzeichnende Wandlungserfordernisse für ganz Deutschland nicht nur initiieren, sondern auch auf den Weg bringen. Nur vier Anregungen für Denkansätze:

1. Ein innovatives, entbürokratisiertes Experimentierfeld schaffen als Blaupause für Gesamtdeutschland mit Blick auf den Umgang mit Trends wie Mobilitätsumbau in Stadt und Land, neue Formen der Landwirtschaft usw. Weil der Osten beispielsweise in der Altmark oder der Uckermark besonders betroffen ist, muss er auch auf diesen „regionalen Bevölkerungsinfarkt“ durch Abwanderung und Überalterung als erster eine Antwort finden: Wer soll sich dort mit welchen Perspektiven neu ansiedeln? Soll das wegen Leerstand und niedrigen Mieten dem Zufall überlassen werden (Minderverdienende, Alte, Arbeitslose, Flüchtlinge) oder sollte es dafür einen schlüssigen Entwicklungsplan geben, der aus einer demografischen Mankosituation eine neue Perspektive aufzeigt?

Foto: Michal Jarmoluk auf Pixabay

2. Ein beschleunigter Breitband- und 5G-Netzausbau im Osten brächte immense Vorteile. Dazu könnte das Bundeskartellamt zustimmen, dass hier zunächst alle Netzbetreiber zusammen ein Netz mit gemeinsam genutzten Masten aufbauen. Durch schnelleren Netzausbau ohne Funklöcher würde so frühzeitig eine zukunftssichere Infrastruktur für Internet, Internet der Dinge, Industrie 4.0 usw. entstehen. Ein solcher Zeitvorteil könnte in großem Umfang Investoren und Firmen mit Zukunftspotenzial in den Osten locken.

3. Aktuell nutzbare Wettbewerbsvorteile gegenüber Deutschland West sind nicht nur ausgezeichnete Hochschuleinrichtungen mit günstigem Professoren/Studenten-Verhältnis, sondern auch niedrige Mieten, soziales Zusammengehörigkeitsgefühl oder das Vorhandensein von Innovationsclustern, wie zu Leichtbau in Chemnitz. Die Nähe zu Osteuropa könnte beispielsweise für Sonderwirtschaftszonen (steuerbegünstigte Wertschöpfungskooperationen mit russischen, weißrussischen, ukrainischen Unternehmen und Mitarbeitern) genutzt werden.

Foto: Pixabay

4. Zerstörte Flächen des Braunkohletagebaus für gesamtdeutsch wichtige Neuansiedlungen nutzen, z.B. für Technologiezentren, Innovationscluster, Bundesbehörden, neue Forschungsinstitute, oder Experimentalflächen für neu Stadt- und Wohnkonzepte, um damit Flächenverbrauch an anderer Stelle zu vermeiden.

 

In Folge 2 und 3 beleuchtet Strobel für Wirtschaft + Markt die Zukunftsherausforderungen, vor denen der Osten in Sachen Innovation und Berufsausbildung steht.

Thomas Strobel, Zukunftslotse
Foto: Strobel

Zum Autor:
Der 1963 geborene Dipl.-Ing. für Maschinenwesen gilt aufgrund seiner beruflichen Vita u. a. in Strategie- und Planungsteams von Siemens und Telekommunikationsfirmen als besonders industrienah. Mit seinen Dienstleistungen und Methoden hat sich der Experte auf systematische Zukunftsplanung und bessere Wissensflüsse u. a. in mittelständischen Unternehmen spezialisiert.

 

 

Fotos:
Thomas Strobel als Keynote-Sprecher (Quelle: Bayern Innovativ)
Grafik Retropolation (Quelle: Fenwis)

Beispielprojekte 
Ergebnisse des Zukunftsprojekt “Faser & Papier 2030 – Nachwachsende Zukunft gestalten“ der Papiertechnischen Stiftung
Ergebnisse des Zukunftsprojektes mit dem Forschungskuratoriums Textil: „Perspektiven 2025 – Handlungsfelder für die Textilforschung der Zukunft“

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