„Ohne Leitungsneubau macht der Windenergieausbau keinen Sinn“

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Im großen W+M-Interview mit Dr. Alexander Montebaur, Vorstandsvorsitzender der E.DIS AG, sprachen wir über Klimawandel, die Energiewende, E-Mobilität, Breitbandausbau und über weitere Themen, die E.DIS AG im Detail beschäftigen.

Dr. Alexander Montebaur
Foto: W+M

 

W+M: Was ist aus Ihrer Sicht die Ursache dafür, dass der Klimawandel plötzlich überall das Thema Nummer 1 ist?

Dr. Alexander Montebaur: Nach meiner Wahrnehmung liegt das daran, dass die Jugend dieses Thema aufgegriffen hat und sehr medienwirksam aufbegehrt. Stichwort „Fridays for Future“. Die wissenschaftlich fundierten Fakten die vorliegen, sind ja auch mehr als alarmierend. Insofern ist es absolut verständlich, dass die junge Generation sich hier so engagiert. Es ist unstrittig, dass sich die Welt dieser Probleme annehmen muss.

Es gibt immer mehr Widerstand

W+M: Welche Erfahrungen haben Sie mit Partikularinteressen? Gibt es für Sie rote Linien?

Dr. Alexander Montebaur: Wir merken das, wenn wir das Thema Infrastruktur betrachten, beim Leitungsbau. Wir müssen in den nächsten Jahren etliche hundert Kilometer 110-Kilovolt-Freileitungen ertüchtigen. Das gilt übrigens auch für Erdkabel. Egal, mit welchem Infratrukturprojekt man kommt, man stößt zunächst auf Widerstand. Widerstand gegen unseren Leitungsbau ist zum Teil der manifestierte Widerstand gegen die Windenergie. Weil die Leute verstehen, wenn sie den Leitungsausbau verhindern, dann macht auch Windenergieausbau keinen Sinn mehr.
Eine Zeit lang gab es den Slogan „Nimby“ – „Not in my backyard“ – also „nicht vor meiner Haustür“. Nach meiner Ansicht sind wir inzwischen beim „Banana“-Slogan angekommen – „Build absolutely nothing anywere near anybody“. Egal wo man hinkommt, die Leute wollen das nicht mehr . Das ist für mich schon eine rote Linie. Speziell für eine Gesellschaft, die sich gerade in Richtung regenerative Energie einiges vorgenommen hat. Wenn ich keine Braunkohletagebaue mehr will, dann muss ich eben auf Alternativen setzen. Und dazu gehören für mich Windparks genau so dazu wie Leitungen. Ohne Leitungen wird es nicht funktionieren. Ich nenne Ihnen ein Beispiel zur Verdeutlichung: Wir haben gerade im letzten Monat bei der E.DIS die 10.000 Megawatt-Grenze beim Anschluss rein erneuerbarer Energien an unser Netz überschritten . Das entspricht der Leistung von sieben Kernkraftwerken. In unserem eigenen Netzgebiet haben wir zu Spitzenzeiten 3.000 Megawatt Verbrauch. Wenn wir also alles andere abschalten würden, hätten wir immer noch 7.000 Megawatt Überschuss. Die muss man abtransportieren. Wir müssen zwingend den Windkraft- mit dem Leitungsausbau synchronisieren. Dazu brauchen wir einen erheblichen Leitungsneubau.

Ausweitung auf andere Sektoren – Verkehr, Wärme und die Kopplung zwischen den Sektoren

Dr. Alexander Montebaur
Foto: W+M

W+M: Die Energiewende ist vielleicht nicht mehr umkehrbar, aber was sollte verändert werden?

Dr. Alexander Montebaur: Ich glaube, dass wir im Stromsektor insgesamt ganz gut unterwegs sind. Die Synchronisation des Leitungsausbaus mit dem Windkraftausbau ist jedoch ein wichtiges Thema, wo man nachsteuern muss. Ansonsten heißt das große Thema: Ausweitung auf andere Sektoren – Verkehr, Wärme und die Kopplung zwischen den Sektoren. Gerade bei der Kopplung der Sektoren ist noch jede Menge Entwicklungsarbeit zu leisten. Bei der Frage, was können der Verkehrs- und der Wärmesektor beitragen, da sehe ich bereits erhebliches Potenzial, das auch heute schon technologisch zu heben wäre. Damit es insgesamt eine Energiewende wird.

W+M: War es aus heutiger Sicht klug, aus der Atomenergie auszusteigen. Ist ein Wiedereinstieg vorstellbar?

Dr. Alexander Montebaur: Der Ausstieg war gesellschaftlich und politisch ein ganz breit getragener Konsens im Jahr 2011. Den hat seither niemand wieder aufgeknüpft. Und inzwischen ist es so, dass auch die Wirtschaft keine neuen Kernkraftwerke betreiben, geschweige denn bauen will. Daher halte ich einen Wiedereinstieg für völlig ausgeschlossen. Das Thema ist in Deutschland endgültig passé.
Wenn man aber sieht, dass das deutsche Vorbild international nicht so viele Nachahmer gefunden hat, kann man sich schon die Frage stellen, ob das energiewirtschaftlich klug war. Aber das sind Lieder am Grab eines toten Soldaten.

Dr. Alexander Montebaur
Foto: W+M

W+M: Ist die Energiewirtschaft und damit auch E.DIS auf einen möglichen Durchbruch der E-Mobilität vorbereitet?

Dr. Alexander Montebaur: Wir sind vor allem in Richtung Ladeinfrastruktur gefordert. Da sehe ich zwei Aspekte. Der eine Aspekt ist: Wer kann wirtschaftlich eine öffentliche Ladeinfrastruktur betreiben und tut das auch? Und die zweite Frage ist: Halten unsere Stromnetze das aus?
Wir sind inzwischen sehr gut darauf vorbereitet. Denn mit unseren Netzen, die durch den Ausbau und Anschluss der erneuerbaren Energien erheblich erweitert wurden, haben wir genug Infrastruktur in der Erde liegen, um eine Ladeinfrastruktur flächendeckend abbilden zu können. Der einzige Punkt ist: wir müssen von Beginn an darauf achten, dass wir das Thema flexibel einrichten. Das ist aber in Zeiten der Digitalisierung und Automatisierung heute kein Kunststück mehr. Wenn alle Welt von Smart Grids spricht und niemand weiß, was damit genau gemeint ist, dann ist meine Antwort darauf: Ein Smart Grid sorgt dafür, dass ich nicht „blind“ laden und entladen kann, sondern dass ich dahinter eine Intelligenz habe, die das Ganze netzverträglich steuert. Das kann man so einrichten, dass das der Kunde gar nicht merkt.

W+M: Wie schätzen Sie den Wettbewerb zwischen Batterie und Brennstoffzelle ein?

Dr. Alexander Montebaur: Ich bin kein Experte für Kraftfahrzeugtechnik. Aber was ich mir sehr wohl in Richtung Wasserstofftechnik vorstellen kann, ist, dass wir mit Wasserstoff vor allem auf den größeren Verkehr gehen – auf den Schwerlastverkehr, die Binnenschifffahrt, auf die Kreuzfahrtschiffe. Also jene Verkehrsmittel, die gewichts- und platzmäßig mehr Raum haben, um eine Wasserstofflösung aufzunehmen. Im Pkw ist man diesbezüglich immer begrenzt. Da geht sicher auch eine Brennstoffzelle. Aber wenn man klimapolitisch einen Effekt erzielen will, muss der Fokus viel stärker auf dem Güterverkehr und den großen Verkehrsmitteln liegen, die heute noch mit Schweröl und Diesel fahren. Da kann die Wasserstoffwirtschaft einen großen Beitrag leisten, zumal sie eine ideale Ergänzung zu unserer fluktuierenden Windenergie ist. Dort, wo wir Wind im Überschuss haben, kann Wasserstoff erzeugt werden. Und diesen Wasserstoff kann man dann im Sinne einer Sektorkopplung in den Verkehr geben.

Es wird schwieriger, geeignete Partner zu finden

W+M: Wie geht es E.DIS?

Dr. Alexander Montebaur
Foto: W+M

Dr. Alexander Montebaur: Es gibt zwei Aspekte, die unser Kerngeschäft maßgeblich prägen. Wir haben sehr gut zu tun im Bereich des Baus. Wir haben viele neue Kundenanschlüsse, und damit meine ich nicht nur die EEG-Anschlüsse, wo wir Anlagen für erneuerbare Energien in unser Netz einbinden. In dem Maße, wie die Bauwirtschaft boomt, brauchen die Leute auch Hausanschlüsse, und in dem Maße bauen wir unser Netz auch für Kunden aus, die Strom beziehen. Da sind wir aktuell in einer Hochphase. Das macht sich bemerkbar im Dienstleistermarkt. Es wird schwieriger, geeignete Partner für die Umsetzung dieser Maßnahmen zu finden oder zu halten. Darauf haben wir reagiert, indem wir in diesem Jahr erstmalig eine Baufirma aufgekauft haben, um zumindest einen Kern zu schaffen, um uns im Fall des Falles selbst helfen zu können. Das wäre vor Jahren undenkbar gewesen, ist aber heute ein Gebot der Stunde. Das ist nicht unbedingt strategisches Kerngeschäft, aber es ist die pure Notwendigkeit, wenn wir unseren Versorgungsauftrag verantwortlich erfüllen wollen.
Der andere Aspekt ist, dass wir uns sehr darum bemühen, mit innovativen Themen weiter voranzukommen. Innovation und Digitalisierung werden bei der E.DIS vorangetrieben, um die internen Prozesse zu optimieren und um die Dienstleistungen für den Kunden zu verbessern. Ein Beispiel: Wir haben gerade in den letzten Wochen eine Internetplattform aufgesetzt, auf der sich Kunden, die Erneuerbare-Energien-Anlagen bauen wollen, informieren können, wo geeignete Netzverknüpfungspunkte vorhanden sind. Früher mussten diese Kunden Anträge schreiben und ohne die jetzt gebotene Vorkenntnis Standorte suchen, die am Ende oft gar nicht geeignet waren. Heute geht diese Standortabklärung interaktiv und somit wesentlich schneller.

W+M: Wie geht es mit dem Breitbandausbau bei E.DIS voran?

Dr. Alexander Montebaur: Im letzten Jahr sind wir in das Thema Glasfaserausbau bis hin zum Privatanschluss eingestiegen. Hier haben wir uns an vielen Ausschreibungen in diversen Landkreisen beteiligt und sind dort auch umfangreich zum Zuge gekommen. Und zwar in einem Umfang, dass das, was wir künftig in Breitband investieren, schon in eine Größenordnung dessen kommt, was wir in Strom- und Gasnetze investieren. Zum Glück konnten wir bisher bei Planern und Baufirmen genug Ressourcen mobilisieren, um die Breitbandkabel auch in die Erde zu bringen. Spannend wird die Frage, wie viele Kunden auch tatsächlich einen Breitbandanschluss nehmen werden. Wir können uns bei diesem Geschäft nur über die tatsächliche Nutzung refinanzieren. Da bringt es uns wenig, wenn wir beispielsweise eine Ortschaft zu 70 Prozent mit Breitbandanschlüssen versorgt haben, aber nur zehn Prozent der Kunden diese Anschlüsse dann auch nutzen. Es bleibt für uns eine spannden Frage, wie groß das tatsächliche Interesse der Bevölkerung in den nächsten Monaten sein wird.

W+M: Was hat es mit dem Umbau zu smarten Netzen auf sich?

Dr. Alexander Montebaur: Wir haben in unseren Netzen drei Spannungsebenen – die Hochspannungsebene, das sind die Eifeltürmchen, die man in der Landschaft stehen sieht. Wir haben die Mittelspannungsnetze, das sind die, die die Ortschaften miteinander verbinden, wo dann die Trafohäuschen dran stehen. Und wir haben die Niederspannungsnetze, die überwiegend unterirdisch bis in den Haushalt gehen. In der Vergangenheit war es völlig ausreichend, dass wir die Hochspannungsebene und den Beginn der Mittelspannungsebene mit Messtechnik ausgestattet hatten. Da in den Ebenen darunter keine Überraschungen zu erwarten waren. In dem Maße, wie wir aber – dezentral verteilt – heute Akteure dazubekommen, die ins Netz einspeisen, und das Netz flexibel nutzen, können wir die Netznutzung im Bereich der Mittelspannungs- und Niederspannungsebene nicht mehr vorhersagen. Um Überlastungen zu verhindern, rüsten wir auch diese Ebenen mit Mess- und Regeltechnik aus. Bis 2025 werden wir unser Mittel- und Niederspannungsnetz so weit mit Synapsen ausgestattet haben, dass wir es dann praktisch komplett intelligent steuern und regeln können.

Besondere Verantwortung im Bereich der erneuerbaren Energien

Foto: E.DIS AG

W+M: Wie steht es um das Image von E.DIS in Ostdeutschland? Wie wollen Sie wahrgenommen werden?

Dr. Alexander Montebaur: Wir sehen eine besondere Verantwortung im Bereich der erneuerbaren Energien. Jeder, der so etwas in unserer Region macht, muss sich an unser Netz anschließen lassen. Hier haben wir in den letzten Jahren in punkto Kundenorientierung eine Menge dafür getan, dass wir nicht als Behörde wahrgenommen werden. Wir wollen gemeinsam mit den Menschen vor Ort, die in diesem Geschäft tätig sind, partnerschaftlich und auf Augenhöhe zusammenarbeiten. Das ist unser Anspruch. Nur dadurch entstehen tragfähige Partnerschaften.
Darüber hinaus haben wir in unserer regionalen Flächenstruktur auch Personal aufgebaut, dessen Aufgabe es ist, im dauernden Dialog mit den Kommunen zu bleiben. Das ist deren Hauptjob. Sie sind Ansprechpartner für die Kommunen bei allen Fragen rund um die Netze und die Energiewende. Wir wollen als umfassender und innovatier Energiedienstleister und nicht als simpler „Trafoputzer“ wahrgenommen werden.
Auf all das ist auch unser neuer Claim ausgerichtet: „Zukunft beginnt zusammen“.

Interview: Karsten Hintzmann und Frank Nehring

 

 

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