Harry Glawe, Minister für Wirtschaft, Arbeit und Gesundheit aus MV: “Die Geschäfte laufen gut …”

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Im W+M-Interview spricht Harry Glawe, Minister für Wirtschaft, Arbeit und Gesundheit Mecklenburg-Vorpommern, über die Wirtschaftsentwicklung im Lande, den Strukturwandel und Europa

W+M: Sie sind seit 2011 Wirtschaftsminister in Mecklenburg-Vorpommern, als Minister für Wirtschaft, Arbeit und Gesundheit seit November 2016. Wie sieht Ihre persönliche Zwischenbilanz als Minister aus? Welche Themenschwerpunkte stehen auf Ihrer persönlichen Agenda?

Harry Glawe: Mecklenburg-Vorpommern hat sich zu einem attraktiven Unternehmens-, Arbeits- und Lebensstandort entwickelt. Die Wirtschaft wächst und der Arbeitsmarkt ist in der besten Verfassung seit der Wiedervereinigung. Das haben wir vor allem den Unternehmern und ihren Mitarbeitern zu verdanken, die mutig investieren und neue Produkte, Technologien und Dienstleistungen entwickeln. Heute boomt die maritime Industrie, in der Gesundheitswirtschaft entstehen viele Arbeitsplätze und der Tourismus verzeichnet erneut einen Übernachtungsrekord. Das spornt uns weiter an. Wir setzen weiter auf qualitative Wertschöpfung und Beschäftigung im Land. Mittelstandsförderung, Unternehmensnachfolge und Fachkräftesicherung sind dabei wichtige Punkte. Auch der Gesundheitsbereich steht vor wachsenden Herausforderungen. Für uns stehen die flächendeckende Erreichbarkeit einer qualitativ hochwertigen medizinischen Versorgung, die Fachkräftegewinnung sowie der Schutz und die lebensbegleitende umfassende Förderung der Gesundheit der Menschen im Vordergrund. Wir haben bereits vieles angestoßen die Schulgeldfreiheit in Pflegeberufen ist ein wichtiger Schritt. Wir unterstützten die Krankenhäuser bei Investitionen und bringen innovative Projekte in der Gesundheitsversorgung weiter voran. Es gibt viel zu tun: Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen verbessern wir weiter.

Wirtschaft in MV wächst robust

W+M: Seit Ende 2018 wird von einem Dämpfer für das Wirtschaftswachstum gesprochen, auch die Ausfuhren gingen zurück. Wie steht es um die Wirtschaft in Mecklenburg-Vorpommern?

Harry Glawe: Die Wirtschaft in Mecklenburg-Vorpommern wächst auch in diesem Jahr robust weiter. Die Geschäfte laufen gut, auch wenn die außenwirtschaftlichen Unsicherheiten größer geworden sind und in der Industrie leicht dämpfend wirken können. Wir rechnen mit einem weiterhin stabilen Wirtschaftswachstum um die 1,6 Prozent im Jahr 2019.

W+M: Welche Branchen entwickeln sich besonders gut, welche bleiben eher hinter den Erwartungen zurück?

Harry Glawe: Vor allem die überwiegend binnenwirtschaftlich ausgerichteten Bereiche wie Handwerk, Tourismus, Ernährungswirtschaft, die maritime Wirtschaft, der Einzelhandel und auch das verarbeitende Gewerbe sind stark gefragt. Die Gesundheitswirtschaft hat ebenso mächtig Fahrt aufgenommen. Zusammen mit unserem Netzwerk der Branche, der BioCon Valley GmbH, wollen wir die Branche weiterentwickeln. Bereits heute können wir feststellen: Jeder fünfte Erwerbstätige arbeitet in der Gesundheitswirtschaft. In keinem anderen Bundesland gibt es einen derart hohen Beschäftigtenanteil. Chancen liegen darüber hinaus auch bei den Zulieferbetrieben für die Automobil- und die Luft- und Raumfahrtindustrie, im Maschinenbau sowie in der Medizintechnik. Die maritime Industrie ist durchgestartet. Aufträge bei fast allen Werften sorgen für wachsende Beschäftigung, Zulieferer siedeln sich im Umfeld an. Potenzial haben wir weiter in der internationalen Ausrichtung. Wir müssen mit unseren heimischen Produkten weiter international werben. Darüber hinaus werben wir beispielsweise gezielt auch im Ausland um Investoren.

W+M: Für unternehmensnahe Forschungs- und Entwicklungsprojekte in Mecklenburg-Vorpommern gibt es mehr Fördergeld. Bis 2020 sollen 50 Millionen Euro zusätzlich aus dem EU-Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) bereitgestellt werden. Wofür wird das Geld konkret ausgegeben?

Harry Glawe: Die EU hat uns im vergangenen Jahr grünes Licht gegeben. Die Möglichkeiten der Förderung werden von den Unternehmen und Forschungseinrichtungen des Landes sehr gut angenommen. Die Mittel können für Machbarkeitsstudien, technologische Einzelvorhaben oder auch Verbundvorhaben eingesetzt werden. Gerade Verbundprojekte, wo Unternehmen und Hochschulen zusammenarbeiten, sind auch von Bedeutung. Denn am Ende soll ein marktfähiges Produkt stehen. Das wird idealerweise auch bei uns im Land produziert. Neue Jobs entstehen und bestehende Arbeitsplätze werden gesichert.

Wir brauchen mehr Industrie

W+M: Wenn aktuell über Strukturwandel gesprochen wird, wird damit zumeist der Strukturwandel in der Lausitz im Zusammenhang mit dem Kohleausstieg gemeint. Wo sehen Sie in Mecklenburg-Vorpommern einen Strukturwandel?

Harry Glawe: Der Weg von der Planwirtschaft in eine soziale Marktwirtschaft hat nach der Wende einen Umbruch in der Industrie und in der Landwirtschaft erfordert. Unsere Wirtschaft ist beispielsweise stark vom Tourismus und auch vom Dienstleistungsbereich geprägt. Das sind unverzichtbare Säulen unserer heimischen Wirtschaft. Wir arbeiten intensiv daran, die wirtschaftliche Basis zu verbreitern. Hierzu zählt insbesondere auch die Fokussierung auf Neuansiedlungen und Erweiterungen von Unternehmen. Also, der große wirtschaftliche Bereich des produzierenden Gewerbes wird weiter ausgebaut. Wir brauchen mehr Industrie. Das lässt sich beispielhaft an unserer Landeshauptstadt Schwerin erklären. Der Industriepark Schwerin entwickelt sich rasant. Insbesondere die Errichtung des Nestlé-Kaffeekapselwerks im Gewerbegebiet hat auch dazu beigetragen, stärker auf den Wirtschaftsstandort Schwerin aufmerksam zu machen. Unternehmen ziehen nach und investieren. Die Sogwirkung eines Global Players macht sich bemerkbar. Mehr als 1.000 Arbeitsplätze sind heute durch viele Unternehmen aus unterschiedlichsten Bereichen im Gewerbegebiet entstanden. Wir haben eine Industrieoffensive gestartet. Sie hat das Ziel, Mecklenburg-Vorpommern im In- und Ausland verstärkt als Industriestandort zu vermarkten und auf die vorhandenen Unternehmen als Arbeitgeber aufmerksam zu machen. Dabei wird der Landesteil Vorpommern für Ansiedlungen noch intensiver beworben werden. Im besonderen Fokus stehen darüber hinaus die Gewerbegebiete Pommerndreieck bei Grimmen und der Standort Pasewalk. Gemeinsam mit den Wirtschaftsförderern werben wir beispielsweise intensiv auf nationalen und internationalen Messen oder sprechen bei Auslandsreisen potenzielle Investoren direkt an.

MV ist lebendiger Teil Europas

W+M: 2019 wird im Mai ein neues EU-Parlament gewählt. Wie steht Mecklenburg-Vorpommern grundsätzlich zu Europa?

Harry Glawe: Europa bringt Menschen grenzüberschreitend zusammen und Mecklenburg-Vorpommern ist ein lebendiger Teil davon. In vielen Selbstverständlichkeiten des Alltags steckt dabei oft auch ein großes Stück Europa. Viele Straßen, Gebäude oder auch innovative Produkte wären ohne Unterstützung aus der EU nicht umgesetzt worden. Die Staatengemeinschaft trägt entscheidend dazu bei, die Arbeits- und Lebensqualität im eigenen Land zu erhöhen.

W+M: Wie konnte Mecklenburg-Vorpommern speziell in den Bereichen Wirtschaft und Infrastruktur von der EU profitieren? Welches sind die wichtigsten geförderten Projekte der letzten zwei Legislaturperioden?

Harry Glawe: Die europäischen Mittel sind ein unverzichtbarer Baustein der Unterstützung für unser Land. Die Förderungen geben Impulse für weiteres Wirtschaftswachstum, den Erhalt und die Schaffung von neuen Arbeitsplätzen. Wir haben viele gute Projekte voranbringen können. Deshalb kann ich Ihnen auch nur Beispiele nennen. Hierzu zählen die Entwicklung von Gefäßstützen (Stents) in Rostock; der Bau der längsten Promenade Europas (“Europapromenade”) von Bansin nach Świnoujście oder auch die Qualifizierung von Mitarbeitern in den Unternehmen. Europa bietet eine große Bandbreite an Unterstützungsmöglichkeiten für Mecklenburg-Vorpommern. Dafür sind wir dankbar. Unser Fokus liegt ganz klar auf der Stärkung der mittelständischen Wirtschaft.

W+M: Gibt es Beispiele, die verdeutlichen, dass auch Europa und die EU von Aktivitäten Mecklenburg-Vorpommerns profitiert haben?

Harry Glawe: Es ist ein Geben und Nehmen. Wenn wir wirtschaftlich vorankommen ist das auch ein kleiner Beitrag dafür, dass Europa und die EU davon profitieren. Nehmen Sie beispielsweise unsere medizintechnischen Unternehmen, die Stents oder Diabetesprodukte entwickeln und fertigen. Diese nutzen den Patienten beispielsweise für eine verbesserte Gesundheit in der EU. Oder die vielfältigen grenzüberschreitenden Projekte aus dem europäischen Interreg-Programm V A der Länder Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und der Republik Polen. Die Vorhaben schaffen bessere Lebensperspektiven für Bewohner in grenznahen Regionen, fördern die internationale Zusammenarbeit und minimieren kulturelle Unterschiede.

W+M: Das Ostdeutsche Wirtschaftsforum OWF.ZUKUNFT, das 2019 am 20. und 21. Mai bereits zum vierten Mal in Bad Saarow stattfindet, steht unter dem Motto „Ostdeutschland mitten in Europa“. Gibt es aus Ihrer Sicht eigentlich ein Ostdeutschland und welche Bedeutung messen Sie einem solchen Forum bei?

Harry Glawe: Das Ostdeutsche Wirtschaftsforum bietet eine gute Gelegenheit für einen konzentrierten, intensiven Austausch mit Vertretern aus Politik und Wirtschaft. Ob es ein „Ostdeutschland“ gibt, finde ich schwer zu beantworten. Ich denke, dass es in jedem Fall eine ostdeutsch geprägte Identität bei vielen Menschen gibt.

 

Fotos: W+M

 

 

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