Mittwoch, 19. Dezember 2018

„Der Stallgeruch der Macht. Wie es um die ostdeutsche Eliten steht“
Interview mit Prof. Dr. Raj Kollmorgen (Langform)

Einer Elite zugehörig sein, wollen viele, darüber reden wenige. Schade eigentlich, denn gerade in Ostdeutschland ist das Thema Elite nicht genügend besprochen und die fehlende Auseinandersetzung damit, schafft Probleme in unserer Gesellschaft und lässt Chancen ungenutzt. Wir sprachen mit Eliteforscher Prof. Dr. Raj Kollmorgen von der Hochschule Zittau/Görlitz.

W+M: Wie wichtig ist die Beschäftigung mit dem Thema Eliten?

Kollmorgen: Da gibt es unterschiedliche Auffassungen. Die eine besagt, dass Probleme der Eliten im Wesentlichen Probleme der Eliten sind. Das ist nicht ganz falsch. Zugleich geht das Elitenthema aber alle Bürgerinnen und Bürger an, da sie berechtigt erwarten dürfen, dass die Besten zur Elite gehören und jeder eine angemessene Chance auf Zugang zur Elite hat. Wenn das gar nicht der Fall ist, handelt es sich einerseits um formelle Diskriminierung oder doch mindestens um eine informelle Marginalisierung bestimmter gesellschaftlicher Gruppen. Dabei ist es egal, ob die Marginalisierung Frauen oder Junge, Hessen oder Brandenburger, Arbeiter- oder Migrantenkinder betrifft. Andererseits beschneidet der Ausschluss sozialer Gruppen die Funktions- und Entwicklungsfähigkeiten der Gesellschaft. Wenn immer nur die gleichen Gruppen Elitenangehörige stellten, kommen nur sehr begrenzt neue Leute mit neuen Ideen zum Zuge. Das brächte unsere Gesellschaft um wichtige Veränderungsimpulse und Innovationschancen.

W+M: Wer zählt überhaupt zu den Eliten?

Kollmorgen: Unter Eliten werden heute in den Sozialwissenschaften jene sozialen Gruppen und ihre individuellen Mitglieder verstanden, die in jeweils bestimmten Handlungsfeldern oder Sektoren, wie Wirtschaft oder Justiz, durch spezifische Auswahlverfahren auf Positionen gelangten, die sie mit herausgehobener Entscheidungsmacht ausstatten. Angehöriger der Elite ist demnach, wer innerhalb und für soziale Strukturen, Institutionen und Organisationen mit gesamtgesellschaftlicher Wirkungsreichweite die wesentlichen Gestaltungskompetenzen besitzt und in entscheidenden Handlungssituationen das letzte Wort hat. Beispiele dafür wären Mitglieder der Bundesregierung, die Ministerpräsidenten der Länder, Vorsitzende der im Bundestag vertretenen politischen Parteien, Vorsitzende und Mitglieder der Vorstände führender Großunternehmen (wie Siemens oder Volkswagen), Bundesrichter, Gewerkschaftsführer, aber auch die Vorsitzenden der ARD-Rundfunk- und Fernsehanstalten oder die Vorsitzenden der großen außeruniversitären Forschungsverbünde (wie die Leibniz-Gesellschaft).

W+M: Gibt es eine aktuelle Dringlichkeit, sich mehr mit dem Thema Ostdeutsche Eliten zu beschäftigen? Wenn ja, worin besteht sie?

Kollmorgen: Ich würde sagen ja. Zum einen würde ich auf die gegenwärtigen politischen Verhältnisse in den ostdeutschen Ländern und hier auf den Protest gegen die Regierenden, unter anderem in Gestalt der AfD, verweisen. Viele Ostdeutsche zeigen offenkundig ein ausgeprägtes Elitenmisstrauen. Damit müssen wir uns auseinandersetzen. Zum anderen stagnieren die wirtschaftlichen Aufholprozesse des Ostens gegenüber dem Westen seit fast zwanzig Jahren. Auch hier kann gefragt werden, ob Entscheidungen über Standorte großer Unternehmen oder zur Platzierung und dem Ausmaß von unternehmerischen Forschungs- und Entwicklungsausgaben im Osten auch damit zusammenhängen, dass es gerade im Bereich der Großunternehmen, zum Beispiel der deutschen DAX-Unternehmen, kaum Ostdeutsche in den Vorständen gibt.

W+M: Wie steht es um die ostdeutschen Eliten?

Kollmorgen: Wir sollten uns zunächst klar machen, über wen wir reden. Ostdeutsche Eliten kann zweierlei meinen. Entweder wir reden über Menschen mit ostdeutscher Herkunft oder Biografie und deren Positionierung in den bundesdeutschen Eliten oder wir sprechen über die Eliten in den ostdeutschen Bundesländern, wobei sich dann wiederum fragen lässt, woher diese stammen.
Schauen wir zunächst auf die Ostdeutschen in den bundesdeutschen Eliten. Auch wenn die bisher dazu vorliegenden Erhebungen und Untersuchungen entweder veraltet oder unvollständig sind, lässt sich doch immerhin soviel festhalten: Während die Ostdeutschen im staatspolitischen Sektor (Regierungen, Parlamente, Parteien) relativ angemessen vertreten sind, das heißt mit circa 15 bis 20 Prozent, fällt ihr Anteil in den meisten anderen Sektoren dramatisch ab, in einigen sogar auf ein bis zwei Prozent (zum Beispiel im Bereich der Justiz, der Bundeswehr oder der Wirtschaft). Im Regelfall gilt dabei einerseits, je höher ein Position angesiedelt ist, desto schwieriger wird es für ostdeutsche Kandidatinnen und Kandidaten. Andererseits lässt sich zeigen: Je stärker die Aufstiegskanäle als formelle Laufbahnen organisiert und durch intern dominierte Entscheidungsgremien bestimmt werden (wie etwa im Justiz- oder Verwaltungsbereich), desto schwerer haben es Ostdeutsche. Über alle Elitesektoren hinweg beträgt heute der Anteil der Ostdeutschen, die etwa 17 Prozent der bundesdeutschen Bevölkerung stellen, sechs bis acht Prozent.
In Ostdeutschland selbst, wo Menschen mit ostdeutscher Herkunft etwa 80 bis 85 Prozent der Bevölkerung ausmachen, werden die Eliten – abgesehen vom staatspolitischen und Teilen des zivilgesellschaftlichen Sektors – auch heute noch mehrheitlich von Westdeutschen gestellt. Im Durchschnitt besetzen Ostdeutsche gegenwärtig etwa 25 Prozent aller Elitepositionen im Osten, wobei die Streuung zwischen fünf Prozent (Verwaltungsspitzen, Justiz) und über 80 Prozent (im Bereich der politischen Partei- und Repräsentationseliten) reicht.

W+M: Was folgt aus der Unterrepräsentanz der Ostdeutschen in den Eliten?

Kollmorgen: Wie oben schon angesprochen, hat das Problem mindestens zwei Seiten. Zum einen fühlen sich viele Ostdeutsche nicht angemessen durch die Führungsetagen der Gesellschaft vertreten. Dieser Mangel stört sie und ihr Gerechtigkeits- und Gleichheitsempfinden. Damit besteht die Gefahr eines schwindenden Vertrauens in die Eliten und dann auch in die Institutionen, die sie rekrutieren und die sie repräsentieren. Ein erheblicher Anteil der erwachsenen Ostdeutschen, ich würde von etwa 20 bis 30 Prozent ausgehen, steht daher den westdeutsch dominierten Eliten und der von ihnen geführten gesellschaftlichen Ordnung skeptisch bis ablehnend gegenüber. Sie identifizieren diese Eliten nicht als „eigene“, sondern als „fremde“ Führungsgruppen. Dass sich diese in den letzten fast drei Dekaden formierte Entfremdung in den letzten Jahren – nicht zuletzt im Zusammenhang mit der europäischen Staatsschulden- und der Migrationskrise – verstärkt hat, ist offenkundig.
Zum anderen bleibt die These plausibel, dass durch die Dominanz Westdeutscher in den bundesdeutschen Eliten Entwicklungschancen der Bundesrepublik verschenkt werden, weil wichtige alternative Interessen und innovative Ideen, die von Ostdeutschen erdacht und entwickelt werden, es in ihrer Umsetzung schwer haben, eben weil es an elitären Fürsprechern mangelt. Westdeutsche Elitenangehörige sind zwar prinzipiell in der Lage, auch ostdeutsche Interessen wahrzunehmen und durchzusetzen – das haben auch schon viele nachgewiesen. Dennoch bleiben unter Umständen Wissens-, normative sowie kulturelle Differenzen, die sich zum Beispiel auf das Leben im Staatssozialismus oder nach 1990 auf die radikalen Transformationserfahrungen beziehen. Die tiefgreifenden Prägungen, aber auch die gegenwärtig anderen Arbeits- und Lebenserfahrungen im Osten lassen sich nur sehr eingeschränkt durch im Westen aufgewachsene Eliten „imaginieren“ und in den politischen Auseinandersetzungen vermitteln. Dazu braucht es auch starke ostdeutsche Elitenangehörige – in allen Sektoren, das heißt nicht nur in der Politik, sondern auch in der Wirtschaft, der Verwaltung oder Wissenschaft.
Wenn die Herkunft und Verwurzelung von Eliten in einer bestimmten Region, sozialen Schicht oder Kultur vollkommen irrelevant wäre, dürfte es uns als Deutsche ja auch egal sein, ob wir allein oder doch fast ausschließlich von Bayern oder Niedersachsen „geführt“ werden oder es nur Frauen sind, die Elitepositionen inne haben, oder wir in den politischen Eliten niemanden antreffen, der aus einer Kleinstadt oder einem Dorf stammt. Das ist es aber nicht. Ganz intuitiv folgen wir hier der Idee einer breiten Repräsentation der Bevölkerung in den Eliten und einer prinzipiellen Gleichheit hinsichtlich der Aufstiegschancen – zu Recht, wie ich denke. Wichtig erscheint mir, dass hier funktionale und normative Argumente zusammenfinden. Es ist für die Gesellschaft insgesamt vorteilhaft, wenn auch Ostdeutsche angemessen in den Eliten präsent sind, und es bedient demokratisch-partizipative Normen und befördert die soziale Integration unserer Gesellschaft. Beides stabilisiert oder: destabilisiert sich wechselseitig.

W+M: Sollte es eine Ostquote für die Eliten geben?

Kollmorgen: Das ist eine naheliegende Frage, auf die es aber keine einfache Antwort gibt. Zwar erscheint es – offenkundig mit dem Problem der Geschlechtergleichstellung vergleichbar – auf den ersten Blick für den öffentlich-rechtlichen Bereich, das heißt Verwaltung, Wissenschaft, Bildung, Kultur und so weiter, plausibel, das personelle Repräsentationsdefizit mit Quotierungen oder weicher mit Methoden der sogenannten positiven Diskriminierung (affirmative action) abzubauen. Vorschläge dazu gab es in jüngster Zeit auch aus der Politik durchaus, zum Beispiel durch Iris Gleicke, die ehemalige Beauftragte der Bundesregierung für die neuen Bundesländer, oder Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung. Ostdeutsche könnten also in der Aneignung von Bildung und Qualifikationen besonders unterstützt, ihre Karriereschritte gefördert oder Stellen für sie freigehalten werden. Für den Wirtschaftssektor ließe sich durchaus ähnlich argumentieren, wobei hier neben der Managementelite auch auf die Besitzelite zu achten wäre, das heißt auf Chancen der Vermögens- und Kapitalbildung. Hier bräuchte es also auch eine länger anhaltende Förderung von Ostdeutschen, die Unternehmen gründen, modernisieren oder ausbauen wollen, zum Beispiel über Qualifikationsprogramme, Kredit- und direkte Investitionsförderungen, wobei von Bund und Ländern in diesem Bereich seit Anfang der 1990er-Jahre einiges geleistet wurde.
Sowohl Quotierungen wie Förderprogramme für Ostdeutsche haben allerdings mit drei systematischen Problemen zu kämpfen. Erstens erscheinen Quoten weniger denn je politisch durchsetzbar. Es gibt dafür keine politischen Mehrheiten, nicht einmal in der Partei Die Linke und in allen ostdeutschen Länderregierungen. Zweitens bedeuten Quotierungen schlussendlich individuell einklagbare Anspruchsrechte. Das wirft die Frage auf, wer heute im juristischen Sinne Ostdeutsche/r ist. Wegen der massenhaften Binnenmigration seit 1989 sowie der vielen ost-westdeutschen Elternschaften und Biografien ist das bereits heute für hunderttausende Bürger und Bürgerinnen schlicht nicht entscheidbar. In zehn Jahren wird sich das Problem verschärft haben und dann auch die Masse der Elitekandidaten treffen, die im Alter zwischen 40 und 50 Jahren die Top-Positionen erklimmen (müssen). Rechtlich ist daher nur das Wohnort- beziehungsweise Standortprinzip anwendbar. Das aber kann rasch zu kontraintendierten Effekten führen, wie nicht zuletzt die Wirtschaftsförderprogramme für Ostdeutschland gezeigt haben. Von den außerordentlichen Abschreibungs- und Investitionszulagemöglichkeiten haben in wertmäßiger Hinsicht überproportional westdeutsche Kapitaleigner und Investoren profitiert, die nach 1990 in den neuen Bundesländern aktiv wurden. Drittens müssten sich auch in diesem Feld die Geförderten mit dem generellen Quotierungsmakel auseinandersetzen – es wären eben „Quoten-Ossis“. Die Förderung würde also eine (negative) Markierung der Ostdeutschen nicht aufheben, sondern könnte sie sogar erhalten oder verstärken. Das sollte bedacht werden.

W+M: Fehlt den Ostdeutschen tatsächlich die Ausbildung eines elitären Habitus?

Kollmorgen: Ich denke bis zu einem gewissen Grad ja. Allerdings liegt das nicht nur am staatssozialistischen Erbe der DDR und der Abwanderung alter Eliten nach 1948/49 in den Westen. Zunächst ist aber in der Tat darauf zu verweisen, dass es vielen Ostdeutschen mit einer Kindheit und Jugend in der DDR infolge der stark arbeiterlich geprägten Sozialstruktur und Kultur an distinguiertem Auftreten, machtvoller Sprache sowie elitären Geschmacksurteilen mangelt, so dass ihnen der vielzitierte „Stallgeruch der Macht“ fehlt. Das allein reicht aber selbst für die heute 40- bis 60-Jährigen als Erklärung nicht aus. Vielmehr verdanken sich Unsicherheiten und Rückzüge auch der übergreifenden soziokulturellen Abwertung Ostdeutscher in der Bundesrepublik nach 1990, denen als quasi ethnische Gruppe ein Verliererstigma anhaftete. Ostdeutsche erschienen vielen westdeutschen Entscheidern kraft Abkunft und regionaler Herkunft von vornherein als unsicher, führungsschwach und hilfebedürftig. Sie wurden kaum mit dem Attribut des Siegers, sondern mit dem des Verlierers assoziiert.
Interessanterweise scheint sich diese Abwertung der älteren Ostdeutschen durch eine Art kultureller Selbstmarginalisierung jüngerer Ostdeutscher fortzusetzen. Sozialwissenschaftliche Beobachtungen und Analysen zeigen jedenfalls, dass der radikale Umbruch mit und nach 1989 schichtübergreifend soziale Verunsicherungen und Zukunftsängste für die damals mittleren Generationen verursachte. Damit wurden die ohnehin weniger ausgeprägten Aufsteiger-, Eliten- und Herrschaftsmentalitäten in den neuen Ländern zusätzlich geschwächt. In praktisch allen Statusgruppen und sozialen Milieus präferierten bedeutende Teile oder sogar die Mehrheit stabile Erwerbsbiografien, risikoarme Karrieren und familienorientierte Lebensführungen. Diese defensive und teils sogar anti-elitäre Haltung findet sich auch heute nicht nur bei den etwa 30- bis 40-Jährigen gut ausgebildeten Fach- und potenziellen Führungskräften, sondern selbst unter 16-jährigen Jugendlichen. Ohne hohe Mobilitäts- und Risikobereitschaft, einen klaren Aufstiegswillen und die Überzeugung einer hohen Selbstwirksamkeit lassen sich elitäre Karrieren aber nur selten realisieren.
Auch zu dieser Problematik gibt es einen großen Forschungsbedarf. Noch wissen wir über die konkreten Mechanismen der Ausbildung eliten-affiner Habitus in Ost und West zu wenig. Vermutlich gibt es aber in Ostdeutschland – verglichen mit den westdeutschen Regionen – einen geringeren Anteil junger Menschen, die den Weg nach ganz oben antreten wollen und es mit einer höheren Wahrscheinlichkeit auch durchhalten.

W+M: Worin bestehen die Träume?

Kollmorgen: Das ist ganz von der Perspektive der Träumenden abhängig. Die breite Bevölkerung träumt davon, von einer Elite der Besten vertreten zu werden und diese Elite als legitime und eigene verstehen zu können, die ihnen ähnlich ist, die ähnlich denkt, der man vertrauen kann und von der man sich führen lassen will. Das verbinden nicht wenige mit einer ostdeutschen Herkunft. Auch wenn das – egal mit welcher Herkunft – nie in Gänze einzuholen ist – die Elitenangehörigen zeigen immer einer Distanz zur Bevölkerung und wollen diese auch zeigen; gerade Ostdeutsche sehnen sich vielfach nach einer neuen Nähe zwischen den Führungsgruppen und der breiten Bevölkerung. Das scheint zunächst nicht zum starken politischen Populismus in Ostdeutschland zu passen, der sich bekanntlich durch eine deutliche Elitenkritik auszeichnet. Der springende Punkt ist aber, dass diese Kritik auf den Distanz- und Entfremdungserfahrungen aufsitzt, die regelmäßig mit westdeutscher Herkunft, Bürokratisierung und Arroganz der Macht verbunden werden. Eben deshalb will man die Umkehr. Gesucht und gewollt werden Eliten, die – wie oben schon angesprochen – „volksnah“ sind, die sich am besten aus den eigenen sozialen Milieus und Regionen rekrutieren und mit denen die kollektive Geschichte geteilt wird.
Die Elite, auch die mit ostdeutscher Herkunft, wünscht sich im Regelfall nicht nur, dass sie als Elite anerkannt und geschätzt wird. Sie will gehört und zuweilen geradezu geliebt werden – und zugleich die Distanz zu breiten Bevölkerung, zur Nicht-Elite wahren. Es handelt sich also um ein nicht weniger ambivalentes Verhältnis als das zwischen Bevölkerung und Elite aus Sicht der „Normalbürgerinnen und Normalbürger“. Ich denke, viele Ostdeutsche in den Eliten wünschen sich zugleich, dass sie nicht länger eine derartige Minderheit in vielen Sektoren darstellen oder gar als Exoten erscheinen. Denn auch in den Eliten gilt nicht nur, dass sich Gleich und Gleich gerne gesellt. Vor allem wissen die bereits oben Angekommenen, dass es auch in diesen sozialen Kreisen auf soziale Beziehungen, auf wechselseitiges Geben und Nehmen ankommt, will man bestimmte Strategien erfolgreich umsetzen und Ziele erreichen, wozu es Gleichgesinnte und das heißt oft auch: Menschen mit ähnlicher Herkunft und Erfahrung braucht. Gerade erst hat das für den politischen Sektor Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig noch einmal unterstrichen. In der SPD – so Schwesig sinngemäß – wäre es auch heute noch schwierig, ostdeutsche Themen nach vorne zu bringen oder für ostdeutsche Spitzenkandidatinnen und Spitzenkandidaten zu streiten. Ebene weil es relativ wenig ostdeutsche Genossinnen und Genossen in der Spitze gibt, erscheint deren Agenda-Setting als zusätzlicher Ballast, als überflüssiges Problem, als nervige Angelegenheit. Minderheiten haben es in den Eliten schwer, gegen die Mehrheit zu bestehen. Das gilt auch für die deutsch-deutschen Verhältnisse.
Schließlich wünschen sich die relativ wenigen Ostdeutschen mit energischen Aufstiegsambitionen, dass sich deren objektive Chancen verbessern, dass sie nicht als Kandidatinnen und Kandidaten „zweiter Klasse“ wahrgenommen werden, sondern selbst unter Beweis stellen können, was sie zu leisten imstande sind. Manche wünschen sich dabei mehr politische Unterstützung bis hin zur Quote, andere eher nicht. Da unterscheidet sich die Debatte gegenüber jener zur Geschlechtergleichstellung kaum.

W+M: Welche Perspektiven bieten sich an?

Kollmorgen: Wenn die Quotenlösung aus rechtlichen oder politischen Gründen unrealistisch ist oder nicht gewollt wird, bieten sich zwei wirkmächtige Strategien an. Zum einen verdanken sich – wie bereits angeschnitten – die geringeren Chancen Ostdeutscher eben auch der Stigmatisierung des Ostens und der „Ostler“ in den öffentlichen und privaten Diskursen nach 1990/91 als zurückgebliebene, verlorene und hilfebedürftige Gebiete und Bevölkerungsgruppe. Auch wenn sich das seit etwa 2005 ändert, weil jedenfalls bestimmte Regionen, wie etwa Leipzig oder Jena, und Gruppen in den neuen Ländern als Trendsetter oder gar Avantgarde gelten. Die Deutung Ostdeutscher und Ostdeutschlands als gegenüber dem Westen inferior bleibt bis heute hegemonial – auch mit Folgen für die Elitenrekrutierung. Insofern brauchen wir weiter eine Transformation dieser Diskurse, eine Problematisierung des Problems Ostdeutschland und der (Selbst-)Wahrnehmung der Ostdeutschen – ohne die Vielfalt und also Differenzierung in Ost- und Westdeutschland zu ignorieren. Eine politische Reflexion der Probleme unter angemessener Beteiligung der Ostdeutschen selbst ist bereits ein Moment ihrer Lösung.
Zum anderen verweist das ostdeutsche Problem auf die Frage nach einer generellen Öffnung und Demokratisierung von Rekrutierungs- und Aufstiegsmodi in unserer Gesellschaft, das heißt nach dem Abbau von sozialen Ungleichheiten in den individuellen Entwicklungs- und Karrierechancen. Vermutlich lässt sich das Problem der Ostdeutschen in den Eliten nur zusammen mit den Problemen der anderen strukturell benachteiligten Gruppen, wie Migrantinnen und Migranten, Frauen, Menschen mit Behinderungen, Angehörige der Unterschichten, nachhaltig lösen, wodurch auch die in der Zukunft noch drängendere Frage der rechtssicheren Identifikation Ostdeutscher obsolet würde.

W+M: Wer muss was tun?

Kollmorgen: Wenn dieser Befund richtig ist, sind wir alle aufgefordert, etwas zu tun, also gegen die Stigmatisierungen der Ostdeutschen, aber auch die sozial ungleichen Aufstiegschancen in unserer Gesellschaft vorzugehen. Der Staat kann das allein nicht richten. In beiden Fällen bedeutet es zudem das Bohren dicker Bretter. Es gibt keine zwei oder drei Stellschrauben, deren Drehung das Problem kurz- oder selbst mittelfristig beheben wird. Es handelt sich vielmehr um eine komplexe Problemlage, die wirtschafts- und sozialstrukturelle Dimensionen, also Abwanderungsbewegungen, Wirtschaftsförderung oder die sozialen Schichtungen vor Ort, ebenso umspannt wie politisch-kulturelle oder mentale Konstellationen, die tief in die Geschichte verweisen. Auch in anderen europäischen Gesellschaften gibt es regionale Verwerfungen und Dominanzen von Ethnien, Sprachgruppen oder Regionen in der Rekrutierung von Eliten. Daran gehen Gesellschaften nicht zwingend unter, ja müssen nicht einmal destabilisiert werden. Ich würde aber daran festhalten, dass es für die Entwicklungspotenziale der Gesamtgesellschaft wie die jedes und jeder Einzelnen ein demokratischer Imperativ und wünschenswert bleibt, dass keine soziale Gruppe aus der Elitenrekrutierung ausgeschlossen wird und alle Individuen jedenfalls grundsätzlich die gleichen Karrierechancen besitzen.

Interview: Frank Nehring

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