RUMÄNIEN – Wachstumsmotor Südosteuropa

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Der Vorstand winkte ab, als der General Manager International  des Unternehmens, der Verfasser dieser Zeilen, um die Jahrtausendwende herum vorschlug, auf den rumänischen Markt  zu gehen. Nach dem Erfolg in der Türkei stand Südosteuropa auf der Agenda. Aber der wichtigste Markt dort wurde negiert. In der öffentlichen Wahrnehmung tauchte wie heute Rumänien meist in Negativschlagzeilen, oft mit der allerdings SOE-endemischer Korruption auf. Ein Beitrag von Dierk Helmut Zeigert.

Der Blick auf die Karte allein korrigiert den westeuropäischen Blick. Rumänien ist nicht nur der größte Markt mit 19 Millionen Einwohnern – mehr als doppelt so groß wie die jeweiligen Anrainer. Mit seiner zentralen Lage in Südosteuropa und die historischen Besonderheiten ist es idealer Zentrum für die geschäftliche Expansion in der Region. Durch Rumänien führt die Hauptlandroute für Warentransporte zwischen Europa und Asien. Der größte Teil der Strecke ist inzwischen mit Autobahnen ausgebaut. Constanţa, Endpunkt der kontinentalen Wasserstraße von Rotterdam ist der größte Hafen am Schwarzen Meer mit einem jährlich um 8% wachsenden Warenumschlag.

Beim Zerfall der sozialistischen Staaten wies Rumänien eine Besonderheit auf. Es hatte keine Auslandschulden, 1988 war das Land zum Gläubiger geworden, 1989 lag die Bruttoauslandsverschuldung bei Null. Freilich durch die rigorose Austeritätspolitik Ceauşescus mit katastrophale Lebensbedingungen für die Bevölkerung. Es half beim schnellen Umbau. Mitte der 1990er Jahre war der größte Teil der Wirtschaft privatisiert. Das Land verfügt über reiche Ressourcen wie Erdgas, Erdöl, Wasserkraft, Salz, Kohle und Edelmetalle. Die strategische Bedeutung der Petrochemie mit dem Schwerpunkt Ploeşti im letzten Weltkrieg ist bekannt, darüber hinaus wurde die Stahlindustrie entwickelt. Das Aluminiumwerk in Slatina ist das größte Europas. Trotz Abwanderung nach 1989 gibt es eine gut ausgebildete Arbeiterschaft und hochqualifizierte Ingenieure und Techniker.

Die USA erkannten den strategischen und wirtschaftlichen Wert sofort, mit Blick Richtung Norden – Ukraine und die Republik Moldau, ethnisch und historisch mit Rumänien verzahnt, als auch nach Osten – die gedachte Linie nach Baku über die kaukasischen Staaten – und machten das Land zu ihrem festen Verbündeten. Österreich und Frankreich waren sofort präsent, weit bevor deutsche Unternehmen diesen Schritt gingen. Frankreich war mit Renault bereits Ende der 60er in Piteşti beim Autobauer Dacia eingestiegen. Israelische Geschäftsleute tätigen Großinvestitionen, Rumänien hatte als einziger Warschauer-Vertrags-Staat die Beziehungen nie abgebrochen.

Der Expatriat von 2004 erlebte eine freudige Überraschung: Die Gespräche konnten vom Leitungspersonal bis zu einfachen Mitarbeitern meist ohne Dolmetscher geführt werden. Fast alle beherrschen eine Zweit- oder sogar Drittsprache. Und Deutsch beherrschen nicht nur im Land verbliebene Deutschstämmige. An vielen Oberschulen Siebenbürgens ist es Unterrichtssprache. Wie in Deutschland gibt es in der Berufsausbildung und im Studium das duale Ausbildungssystem.

Bukarest. Foto: AdobeStock

Die Wirtschaft Rumäniens diversifizierte sich seit 1989 und erlebte einen Umbau. Nunmehr arbeiten 62 Prozent aller Beschäftigten im Dienstleistungssektor. Rasant entwickelt sich die  IT&T-Branche. Das Land verfügt über die weltweit drittschnellsten Internetprogramme. Unternehmen wie IBM, Oracle oder die Deutsche Bank lassen hier ihre Software entwickeln. Die Windkraft bekommt neben der wichtigen Wasserkraft prioritäre Bedeutung. Die Infrastruktur im Tourismussektor wurde in den vergangenen 15 Jahren stetig verbessert. Der Anteil des Sektors am BIP wird staatlich mit etwa 2 Prozent angegeben, die Branche nennt 5 Prozent.  Neben dem Massentourismus am Meer und in den Wintersportorten wächst der Individualtourismmus vom  Donaudelta über die Klöster Moldawiens, der Südbukowina, den Wehrkirchen Transsylvaniens bis in die unberührte Bergwelt. Auch der von Ana Arslan begonnene Gesundheitstourismus, die „Jungbrunnentherapie“, erlebt neue Blüte.

Der EU-Beitritt 2007 beschleunigte ausländische Investitionen. Die Direktinvestitionen stiegen 2021 um 186,44 Prozent und erreichte 6,9 Milliarden Euro, davon waren – ein Vertrauensindikator –  5,5 Millionen Stammkapitalerhöhungen. Die Zahl neu gebildeter  ausländischer Kapitalgesellschaften stieg allein in den ersten elf Monaten 2021 um 42,2 Prozent gegenüber dem gleichen Vorjahreszeitraum auf mehr als fünftausend Unternehmen. Das ausgeglichene Wachstum lockt. Mit Ausnahme der Finanzkrise 2008/2009 wuchs das Bruttoinlandsproduktjährlich um die 4 Prozent, die vorläufige Zahl für 2021 ist 7,0 Prozent. Für die nächsten drei Jahre erwartet man jährlich 5 Prozent. Die Inflation lag 2020 bei 2,3 Prozent. Angesichts der internationalen Preisentwicklungen stieg die Rate auf 4 Prozent im Jahresvergleich, ein Abflachen auf 2,8 Prozent wird für 2024 prognostiziert. Man schätzt, dass die wegen Corona aufgestaute Nachfrage beim privaten Verbrauch sinkt, aber kompensiert wird durch wachsende Beschäftigung, eine niedrigere Inflation und ein sehr kräftiges Lohnwachstum (!)  sowie den von Rumänien aufgelegten Plan zur Erholung und Ankurbelung der Wirtschaft. Dieser unterstützt Investitionen auf dem öffentlichen und privaten Sektor und soll von den 0,1 Prozent auf 1,1 Prozent des BIP steigen. Nach lange verzögerter Neubildung der Regierung Ende 2021 könnten die dafür notwendigen EU-Fördergelder der EU in Millionenhöhe noch fristgerecht abgerufen werden. Der prognostizierte Trend berücksichtigt nicht die nicht vorhersehbare Covid-19-Entwicklung. Die Staatsverschuldung soll in den kommenden zwei Jahren bei 50% liegen,  im 2. Quartal 2021 betrug sie rund 47 Prozent des BIP (Deutschland 70 Prozent).  Die Arbeitslosenquote liegt mit 5 Prozent gleichauf mit Deutschland und könnte bis 2023 um einen weiteren Prozentpunkt fallen. Abschied vom absoluten Niedriglohnland.

Attraktiv für Investoren ist die Abgabenpolitik. Die direkte Besteuerung liegt bei 5 Prozent (Deutschland 13 Prozent). Die Einkommenssteuer für private und juristische Personen beträgt seit 2005 einheitlich 10 Prozent. Das brachte Einkünfte aus der Schattenwirtschaft in das Steuersystem zurück. Doppelbesteuerung der Einkommen gibt es nicht. Die persönliche Einkommenssteuer entfällt bei Angestellten in der IT-Branche, in Forschungs-, Entwicklungs- und Innovationsteams. Die Steuer auf Gewinne beträgt 16 Prozent (EU-Durchschnitt 21 Prozent),  die Kapitalertragssteuer 5 Prozent. Beide bleiben 2022 stabil. Bei Reinvestition entfällt die Körperschaftssteuer. Seit 2017 gilt eine Mehrwertsteuer von 19% (Ungarn 27 Prozent, Kroatien 25 Prozent, Tschechien 21 Prozent). Eine geringere MwSt. gibt es bei Wasser, Abwasser, Lebensmitteln und Landwirtschaftsbedarf. 5 Prozent beträgt sie für den ÖPNV, für Kultur und Versorgungseinrichtungen. Der Sozialversicherungsbeitrag macht 25 Prozent aus, die Krankenversicherung 10 Prozent. Die Arbeitskosten pro Stunde beliefen sich in 2020 auf rund 8 Euro, zwei Drittel unter dem EU-Durchschnitt.

Neueinsteiger sollten unbedingt professionelle Beratung suchen, da die „Besteuerung“ der Arbeit im Einzelnen nicht immer so transparent ist, da ist z.B. die praktizierte ungedeckte Sozialversicherung, die zu verzerrtem Wettbewerb oder bei Joint Ventures zu kostspieliger Steuerarbitrage führen kann. In Geschäftsfragen bietet sich seit 2002 die Deutsch-Rumänische Industrie- und Handelskammer- AHK an, mit umfänglicher Begleitung und regem Erfahrungsaustausch. Zu ihr gehört etwa Noerr SPRL (Prof. Menzer) mit speziell auf deutsche Interessenten zugeschnittener Beratung und nützlichen wirtschaftlichen und politischen Kontakten. Der deutsche Bundesverband für Wirtschaftsförderung und Außenwirtschaft – BWA – unterzeichnete 2011 ein Kooperationsabkommen mit dem Wirtschaftsverband Uniunea Generală a Industriaşilor din România – UGIR, um sich gegenseitig beim Markteintritt ihrer Mitglieder zu unterstützen und Projekte zu entwickeln. UGIR versammelt kleine, mittlere und Großunternehmen, ist Gesprächspartner der Regierung in allen Wirtschaftsfragen und widmet sich Zukunfts – und Weiterbildungsprojekten für ihre Mitglieder auch im Rahmen der EU. Daneben wurden in den vergangenen Jahren regional Industrieparks entwickelt. 72 der geplanten 97 Cluster bestehen bereits, die die Ansiedlung neuer Unternehmen fördern und auf Synergie-Effekte setzen. Investoren sind von Steuern für Boden, Bau und Bauplanung befreit. Psychologisch wichtig: Ein rumänischer Partner erwartet zügige Entscheidungen. Werden sie lange aufgeschoben, verliert er das Interesse am Projekt

Beispielhaft für das gute Geschäftsumfeld ausländischer Unternehmer sollen hier Stadt und Bezirk (Judeţ) Sibiu/Hermannstadt stehen. Unter dem deutschstämmigen Bürgermeister Klaus Johannis, dem derzeitigen Staatspräsidenten, wurde der Flughafen modernisiert, bevor Sibiu Kulturhauptstadt Europas 2007 wurde. 5 Staaten Europas, darunter deutsche Destinationen, und Israel werden angeflogen. Gleichzeitig wurde der Frachtflugverkehr ausgebaut. Es gibt großzügige finanzielle Anreize. Die ausländischen Investitionen gingen entweder in Filialen, den Kauf von Teilen oder Übernahme rumänischer Firmen sowie Neugründungen. Zu den Ansiedlern gehören u. a .Siemens, Thyssen Krupp, Continental, Kromberg & Schuster, Marquardt, Raguse. Die regionalen Wirtschaftspolitiker betonen überall ihr vorrangiges Interesse an ausländischen kleinen und mittleren Unternehmen jeglicher Art. Der Nachteil des Aufschwungs: Fachkräfte werden rar. In Sibiu liegt die Arbeitslosenquote  offiziell bei derzeit 1,9 Prozent.

Rümänien. Foto AdobeStock

Wie lebt der Expatriat in Rumänien? Er dürfte wenig vermissen. Der Wechselkurs des Euro zum RON (neuer rumänischer Leu) bewegt sich die letzten 18 Jahre stabil zwischen 1:4 und knapp 1:5. In den Städten entstanden riesige Malls, erstklassige Fitnessclubs, es gibt gepflegte Golfplätze und Reiterhöfe. Neben den noch bedürftigen staatlichen Gesundheitseinrichtungen entstanden private Kliniken und Arztpraxen auf höchstem Niveau, Ärzten kehren aus dem Ausland zurück. Ein Abend in der Bukarester Altstadt lässt den einstigen Glanz des „Paris des Ostens“ erahnen mit ihren Künstlercafés, Kellertheatern, Discos, Jazzclubs und Straßenrestaurants. Das Opern- und Ballettgeschehen blieb immer auf hohem Niveau, ob im Konzerthaus Athenäum, wo das Erbe des Menuhin-Mentors Enescu hochgehalten wird, oder bei Oper  und Ballett.  Der Ausländer erlebt die Rumänen naturverbunden, an den Wochenenden strömen sie zum Grătar, dem Grillen, in die ungezähmte Natur. Hier kann auch schon einmal ein Bär auftauchen. Folklore ist nicht Trachtenvereinen überlassen, sie wird im Alltag gelebt. Der „Tag des Sohns“, wo ein arrivierter Rumäne das ganze Dorf zum Feiern einlädt, oder die Teilnahme an einer Hochzeit bleiben unvergessen. Das Land zeigt sich traditionell und modern.

Rumänien wartet nicht. Rumänien ist auf dem Weg.

Der Autor: Dierk Helmut Zeigert

Dierk Helmut Zeigert . Foto: BWA

Dierk Helmut Zeigert betrieb Markterschließung für ein deutsches Unternehmen in Fernost, Australien, Europa, Asien, Afrika und Nordamerika sowie den Aufbau von Tochtergesellschaften. Ab 2004 entwickelte er in seinen knapp sechs Jahren als President/CEO die Tochtergesellschaft eines US-amerikanischen Multinationalen Unternehmens zu einem der Out-of-Home-Marktführer  Rumäniens. Anschließend war er für kürzere Zeit Koordinierender Direktor einer rumänischen Print- und TV-Mediengruppe. Zur besseren Integration erlernte er in fortgeschrittenem Alter Rumänisch als weitere Fremdsprache. Für die Verifizierung der neuesten Daten dankt er Eliza Geodoiu, Finanzdirektorin bei Gética, und Vlad Vasiu, stellvertretender Ratsvorsitzender des Judeţ Sibiu.

 

 

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