Freitag, Dezember 2, 2022

Frankreich und der Osten Deutschlands: Deutsch–Französische Wirtschaftsbeziehungen nach über 30 Jahren deutscher Wiedervereinigung – eine Bestandsaufnahme aus Ostdeutscher Sicht 

Die ostdeutsch-französischen Wirtschaftsbeziehungen bestanden zu DDR-Zeiten auf einem vergleichsweise hohen Niveau. Mit dem Ende der DDR wurden jegliche Kontakte und Strukturen begraben bzw. in und durch bundesdeutsche Wettbewerber integriert bzw. fortgeführt.  Das war die Realität der 90er Jahre – war es das oder gibt es hier Alternativen für neue eigenständige Strukturen in Ostdeutschland? Ein Beitrag von Dirk Schneemann.

Frankreich war neben Österreich und Schweden, das bedeutendste westliche Land, das bilaterale Strukturen aufbaute und half, die DDR in den internationalen Wirtschaftsraum und den Welthandel einzubeziehen – die Leipziger Messe spielte dabei eine wichtige Rolle. Besonders nach der Welle diplomatischer Anerkennungen der DDR ab 1972 entwickelten sich diese Beziehungen rasant und führten zu französischen Großinvestitionen in Milliardenhöhe. Die größten Investitionen waren u.a. das Gelenkwellenwerk in Zwickau (Citroen, 800 Mio. Valutamark-VM – entsprach dem Kurs der DM), Düngemittelwerk Rostock (820 Mio. VM, Creusot Loire), Polyurethankomplex Schwarzheide (400 Mio. VM, ENSA). Die DDR zahlte aufgrund von Devisenmangel überwiegend mit Warenlieferungen aus diesen Werken selbst sowie  praktisch aller Bereiche der Volkswirtschaft  – in erster Linie Maschinen und Anlagen, optische Geräte, chemische Produkte, Konsumgüter usw..
Zwischen 1970 und 1978 wurden über 25.000 Eisenbahnwaggons (Gesamtwert über 5 Mrd. FF), überwiegend Kesselwagen, für den osteuropäischen Eisenbahnfuhrpark eingekauft. Der Außenhandelsumsatz zwischen der DDR und Frankreich betrug Mitte der 70er Jahre ca. 1,15 Mrd. VM und hatte sich bis Ende der 80er Jahre mehr als verfünffacht.
Und noch bei seinem letzten Staatsbesuch Ende Dezember 1989 – sechs Wochen nach Mauerfall –  in Ostberlin, unterschrieb der damalige französische Staatspräsident Mitterrand ein 5 Jahresabkommen mit der DDR über wirtschaftliche und industrielle Zusammenarbeit …

Mit dem Ende der DDR war es auch mit der Zusammenarbeit vorbei

Da insbesondere die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Frankreich und der DDR beiderseits überwiegend politisch motiviert und organisiert/strukturiert waren, wurden ihnen nach der deutschen Wiedervereinigung wesentliche Existenzgrundlagen entzogen, Treuhand und die Politik der „verlängerten Werkbänke“ westdeutscher Wettbewerber „erledigten den Rest“. Alle ostdeutschen Außenhandelsstrukturen wurden „abgewickelt“ inkl. deren Beschäftigten in In-und Ausland. Damit waren Handelsstrukturen, Kontaktnetzwerke, sprachliche Kompetenz quasi über Nacht verschwunden – und mit dem Etikett „staatsnahe Tätigkeiten“ gab es für Tausende „Außenhändler“ auch keinerlei Einstiegsmöglichkeiten in diesem Bereich – von weinigen „Beratern“ abgesehen, denen es gelang ihre Spezialkenntnisse in bestimmten Nischen zu vermarkten.

Da die internationalen Wirtschaftsbeziehungen der DDR (insbesondere ins „Nichtsozialistische Ausland“) ausschließlich staatlich organisiert waren, mussten sich die wenigen nach 1990 überlebenden/wieder entstandenen „echten ostdeutschen Betriebe“ nahezu von Null an neue Märkte suchen – und die lagen i.d.R. nicht im wettbewerbsintensiven Westeuropa. Beidseitige „Ansiedlungsfehler“ in Unkenntnis oder Unterschätzung konkreter Vorortbedingungen „im Osten“ führten zu Fehlinterpretationen und Fehlinvestitionen, so dass französische Unternehmen sich ihren traditionellen Märkten sowie neuen Märkten in Osteuropa zuwandten. Die ostdeutschen Unternehmen schauten auch ehr Richtung Osteuropa und Asien. Diese Entwicklung hat sich über die letzten 30 Jahre verstätigt. „Im Westen“ bestehende deutsch-französische Strukturen zur Wirtschaftsförderung gab und gibt es „im Osten“ nach wie vor nicht. Alle diese Strukturen haben ihren traditionellen Sitz in den alten Bundesländern (vorwiegend in NRW). Nahezu alle französischen Firmen haben den Sitz ihrer deutschen Niederlassung in den alten Bundesländern (Total ist eine der wenigen Ausnahmen). Selbst der Deutsch-Französische Wirtschaftskreis e.V. Berlin ist der Nachfolger des alten Club des Affaires de (West)Berlin.

Chancen zur Wiederbelebung der Zusammenarbeit

Da sich in der gegenwärtigen Pandemie durchaus Verschiebungen/Korrekturen der bis Anfang 2020 voranschreitenden Globalisierung ergeben können, scheint kurz- und mittelfristig eine Verstärkung innereuropäischer Wirtschaftsbeziehungen stärker hervorzutreten. Das könnte (müsste) auch die deutsch-französischen Beziehungen beflügeln, denn angesichts der hohen Bedeutung, die den deutsch-französischen Wirtschaftsbeziehungen – besonders in der schwierigen Situation, in der sich Europa befindet (u.a. Corona, Brexit, Dauer-Konflikt USA-China, Russland …) – beigemessen werden und der wachsenden Wirtschafts- und Innovationskraft in Ostdeutschland ist es an der Zeit, den sich aus ostdeutscher Sicht ehemals größten westlichen Handelspartner nochmal anzusehen und Potenziale der Zusammenarbeit auszuloten. Insbesondere in den Bereichen Energie, Mobilität, Digitalisierung gibt es hier interessante Ansatzpunkte. Ähnliche Überlegungen und Bestrebungen gibt es (glücklicherweise) auch auf der französischen Seite. Auch wenn durch Corona ausgebremst so erhöht sich das Interesse Frankreichs auch an diesem Teil Deutschlands. Insbesondere die Französisch-Deutschen Wirtschaftsclubs sind hier aktiv. Mit einer Serie von Onlinedebatten haben die Wirtschaftsclubs Lyon und Berlin in diesem Jahr angefangen dieses Thema aufzuarbeiten. Die Region Occitanie (Südfrankreich – Montpellier, Toulouse) richtet im Rahmen ihrer diesjährigen Deutsch-Französischen Wochen im Oktober ein besonderes Augenmerk auf Ostdeutschland und die sich dort ergebenden Kooperationsmöglichkeiten mit ostdeutschen Unternehmen.

All das zusammengefasst könnte es lohnenswert erscheinen lassen, im Rahmen eines neuen und breit aufgestellten Denkansatzes – frei von „ostalgischen Träumen“ aber unter gezielter Nutzung sich bietenden Chancen – zu einer neuen „gesamtdeutsch“-französischen Zusammenarbeit zu kommen – zu beiderseitigem Nutzen und ganz im Sinne der Vertiefung der europäischen Entwicklung.

Der Autor:

Dirk Schneemann ist Vizepräsident des Deutsch-Französischen Wirtschaftskreises und war von Mai 1987 bis September 1990 Mitarbeiter der DDR-Handelsvertretung in Paris, anschließend in verschiedenen französischen Konzernen in Paris und Berlin tätig.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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