Aufbruchstimmung in der Chemieindustrie

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Neue Stoffe, innovative Wertschöpfungsketten: In Sachsen-Anhalt wird ein neues Kapitel der Erfolgsgeschichte der Chemieindustrie. Von Manuela Bock/IMG Sachsen-Anhalt

Die Chemieindustrie und der Standort Sachsen-Anhalt bilden eine Verbindung, die seit mehr als 125 Jahren besteht und immer wieder neu belebt wird. In Bitterfeld-Wolfen – der Wiege der Elektrochemie – wurden Verfahren für Leichtmetall entwickelt und entstand hier vor mehr als 20 Jahren die Idee der Chemieparks. Heute wird am historisch gewachsenen Chemiestandort an Zukunftsthemen wie der Elektromobilität gearbeitet. Die „New Mobility“ hat kräftig Fahrt aufgenommen und Sachsen-Anhalt ist auf der Überholspur mit dabei, davon ist Max Fuhr überzeugt. Der kaufmännische Leiter des Chemieparks Bitterfeld-Wolfen sagt: „Es herrscht Aufbruchsstimmung – denn ohne Chemie keine Batterien.“

Wenn Max Fuhr darüber spricht, wie sich in den nächsten zehn Jahren die Chemieindustrie hierzulande entwickeln wird, zeigt er häufig eine Folie von Roland Zenn. Auf der Grafik des Chef-Einkäufers von Farasis Energy ist der bevorstehende Batterie-Boom in Europa dargestellt. Pfeile verweisen auf die Standorte künftiger Batteriefabriken. Rot eingekreist hat Fuhr den Teil, der auf „Bitterfeld 2022“ zeigt. Die Zahl steht für das Jahr, in dem Farasis Energy die Produktion im Süden Sachsen-Anhalts starten möchte. Neben der Fabrik und einem Batterie-Kompetenzzentrum entwickelt sich der Chemiepark zu einem Standort, an dem der gesamte Kreislauf der Batteriechemie – von Precursor-Materialien über die Herstellung von Elektroden bis zum Recycling – gebündelt werden soll. „Das“, sagt Max Fuhr, „ist die Zukunft, und wir gestalten sie hierzulande bereits mit.“

„Was man bei uns findet, das gibt es nicht so oft.“

Wenn er solche Prognosen ausspricht, sitzt der Chemiefachmann passenderweise an einem Ort, der im vergangenen Jahr von der Investitions- und Marketinggesellschaft (IMG) und dem Wirtschaftsministerium als einer von zwölf „Zukunftsorten“ ausgezeichnet wurde. Der Chemiepark Bitterfeld-Wolfen ist mit einer Fläche von 12 km² der größte offene Industriepark für Chemie- und Pharmaunternehmen in Europa. Er gehört zu den Chemieparks, die sich auf eine sachsen-anhaltische Idee gründen. Neben Bitterfeld-Wolfen avancierten die Standorte in Leuna, Piesteritz, Schkopau und Zeitz zu den Vorbildern der Branche, wo Produktionsunternehmen vielfältige Service- und Dienstleistungsangebote aus einer Hand erhalten und die schnelle und günstige Verfügbarkeit von Roh- und Hilfsstoffen gesichert ist. Nicht nur die Tradition zieht neben Global Player wie DOW oder Bayer auch Newcomer wie Farasis Energy an, meint Max Fuhr. Der diplomierte Kaufmann ist sich sicher, dass „unser Bundesland einer der attraktivsten Standorte für die weltweite Chemieindustrie ist. Bei uns findet man ausgezeichnete Infrastruktur, einen komplexen Stoffverbund und viel Erfahrung.“ Nun soll weiter an der Chemie-Erfolgsgeschichte geschrieben werden.

Zentrale Frage: Wo sollen die Rohstoffe herkommen und verarbeitet werden?

Die Grafik der Batteriefabriken zeigt Max Fuhr nämlich nicht nur, um auf „seinen“ Chemiepark zu verweisen. Mit ihr kann der Energieexperte auch verdeutlichen, was die Branche derzeit antreibt – und warum „Aufbruchsstimmung herrscht.“ Er sagt: „Die Elektromobilität bekommt gerade einen riesigen Schub, darum dreht sich derzeit viel um die Batterie als ihre Schlüsselkomponente.“ Europa ist der zweitgrößte Markt auf der Welt und könnte bis 2030 sogar die Nummer 1 werden – noch vor China. „Bisher war die Batterieherstellung ein asiatisch geprägtes Thema“, so Max Fuhr, „aber künftig werden die Batterien dort hergestellt, wo auch die Elektroautos verkauft werden.“ Daran geknüpft sei eine entscheidende Frage: Wo sollen die großen Mengen der Batterie-Rohstoffe herkommen? Es gebe klare Vorgaben aus Industrie und Politik zu regionalen Wertschöpfungsketten und niedrigem CO2-Fußabdruck „Diese Hochleistungsmaterialien bei uns für die europäischen Batteriefabriken herstellen zu können, ist die spannende Nische, die wir als zukunftsorientierter Standort besetzen. Denn dort wird über den Erfolg dieser Industrie entschieden, wird Wertschöpfung in Größenordnungen stattfinden, werden attraktive innovative Arbeitsplätze entstehen. Genau dafür sind wir in Bitterfeld-Wolfen, ist Sachsen-Anhalt in Europa, ideal aufgestellt“, weiß Max Fuhr.

„Urban Mining“: Die Wertschöpfungskette zum Kreislauf machen.

Die Gründe liegen für den Fachmann auf der Hand: „In Sachsen-Anhalt gibt es bereits eine hochindustrielle Chemie, wir haben Infrastruktur und Know-how.“ Ein weiterer Punkt auf der „Habenseite“: Unternehmen profitieren voneinander und können durch Synergien beachtliche Kostenvorteile erzielen. Zudem gäbe es in der Region bereits ein „gesundes und lebhaftes Ökosystem an Dienstleistern rund um die klassische Prozessindustrie.“ „Nicht zu vergessen: Wir haben bereits heute über die Hälfte Strom aus erneuerbaren Energien. Und wir haben noch Platz, das sind ebenfalls wesentliche Faktoren“, sagt Max Fuhr. Aber auch am Ende von regionalen Wertschöpfungsketten steht das Recycling – oder wie Fuhr es nennt: „Urban Mining“. Auch langlebige Elektroauto-Batterien würden „schließlich irgendwann den Geist aufgeben.“ „Wir arbeiten hierzulande schon mit chemischen Verfahren, mit denen wir aus alten Batterien werthaltige Komponenten gewinnen können, die man dann wieder als Rohstoff braucht. Damit würde sich die Wertschöpfungskette zum Kreislauf schließen. Das ist der nächste Schritt“, so Fuhr. Und wohl auch einer, der Sachsen-Anhalt auf seinem Weg als Chemie-Standort weitervoranbringt. Hierzulande beschäftigen sich Unternehmen und wissenschaftliche Einrichtungen schon mit vielen Bereichen der Elektromobilität und der Batterie – vom Rohstoff über Tests bis zum fertigen Produkt und wieder zurück. „Derzeit laufen viele Gespräche über neue Ansiedlungen.“

Beispielhaft dafür stehen Unternehmen in Bitterfeld-Wolfen wie die IBU-tec advanced materials mit einem Produkt für LFP-Batteriezellen, Black Magic, das ein Kohlenstoff-Derivat für Superkondensatoren produziert, oder LANXESS mit den Ionenaustauscher-Harzen, die ebenfalls in der Batteriezellenproduktion Anwendung finden. Mit Tesvolt gibt es in der Lutherstadt Wittenberg ein Unternehmen, das sich auf die Entwicklung innovativer und nachhaltiger Energiespeicher-Lösungen für Industrie und Gewerbe spezialisiert hat und diese in der ersten Gigafactory Europas für Batteriespeicher herstellt. Am Weinberg Campus, dem zweitgrößten Technologiepark Ostdeutschlands in Halle (Saale) – und ebenfalls ein ausgezeichneter „Zukunftsort“ in Sachsen-Anhalt – etablieren sich innovative junge Unternehmen. EnSpring entwickelt funktionelle Prototypen für innovative Energiespeichersysteme. Und die NorcSi bringt eine Technologie auf den Markt, mit der kostengünstig Silizium-Elektroden für künftige leistungsfähigere Akku-Generationen hergestellt werden können. In Sandersdorf-Brehna betreibt der Fahrzeugentwicklungs-Dienstleiser FEV das weltweit größte Entwicklungs- und Testzentrum für Hochvoltbatterien. Der Batterie- und Brennstoff-Spezialist HORIBA FuelCon wird bis Ende 2021 einen Neubau im Technologiepark Ostfalen in Barleben eröffnen und damit den geplanten „E-Mobility-Campus“ weiter stärken.

Max Fuhr wird in der nächsten Zeit wohl noch häufig Präsentationen zücken und Vorteile des Standortes erklären. Derzeit liefen mit mehreren Unternehmen entlang der Wertschöpfungskette Gespräche über Ansiedlungen, sagt er. „Wir wollen hier die gesamte Batteriechemie aufbauen: Lithiumkonvertierung, Kathodenmaterial und Recycling“, bekräftigt Fuhr. Kein Wunder also, dass der Chemiepark in Bitterfeld-Wolfen derzeit viele Anfragen erhält. „Alle Wertschöpfungsstufen der Batteriechemie in einem Kreislauf und grün, das wäre global einmalig“, so Max Fuhr.

 

 

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