Das Thema Nachhaltigkeit ist in der Finanzwirtschaft angekommen

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Der Klimaschutz stellt auch die Finanzwirtschaft vor eine wichtige Zukunftsaufgabe. Welche Rolle die Banken bei der Transformation der Wirtschaft übernehmen können, erklären im Interview mit W+M Achim Oelgarth, Geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Ostdeutschen Bankenverbands, Dr. Bernd Rolinck, Leiter des Expertenteams Zukunftsbranchen bei der Deutsche Bank AG und Kristian Kreyes, Bereichsleiter Wirtschaft bei der Investitionsbank des Landes Brandenburg. Von Matthias Salm

W+M: Der Klimaschutz war bis zum Ausbruch der Corona-Pandemie das beherrschende wirtschaftspolitische Thema. Gerät es nun in den Hintergrund oder ist es gerade jetzt die richtige Zeit für mehr Nachhaltigkeit?

Achim Oelgarth, Foto: OstBV

Achim Oelgarth: Nach einer Phase der akuten Krisenbewältigung rücken auch in Corona-Zeiten die „normalen“ Herausforderungen für die Wirtschaft wieder in den Fokus. Besonders drängend bleibt ein effektiver Klima- und Umweltschutz – einerseits, um die Lebensgrundlagen der Gesellschaft zu erhalten, andererseits gilt es, die Zukunft der Wirtschaft zu sichern. Zugleich gewinnt auch die Berücksichtigung etwa von sozialen Faktoren an Bedeutung. Insofern ist es richtig, wenn von dem Re-Start auch ein starkes Aufbruchssignal unter grünem Vorzeichen ausgeht. Klar ist aber auch: Umfang, Geschwindigkeit und konkrete Maßnahmen müssen betriebswirtschaftlich und ökologisch machbar bleiben.

Dr. Bernd Rolinck: Die Corona-Krise hat gezeigt, wie anfällig Gesundheits-, Gesellschafts- und Wirtschaftssysteme selbst in den Industrieländern sind. Künftig ist daher noch stärker auf deren Anpassungs- und Widerstandsfähigkeit zu setzen. Wenn wir als reiche Volkswirtschaften, Geld in die Hand nehmen, um die Schäden der akuten Krise zu mildern und die Selbstheilungskräfte der Wirtschaft durch gezielte Investitionen zu fördern, dann sollten diese die Widerstandsfähigkeit gegen künftige Krisen zum Ziel haben. Und das meint Nachhaltigkeit.

Kristian Kreyes: Trotz der Corona-Pandemie ist jetzt genau die richtige Zeit für Investitionen in eine nachhaltige Entwicklung unserer Gesellschaft. Wann, wenn nicht jetzt? Wir sehen uns mit einem rasch steigenden globalen Bevölkerungswachstum und zunehmendem Energieverbrauch konfrontiert. Gleichzeitig sind wir in vielen Bereichen noch auf endliche Ressourcen angewiesen. Daher hat die EU-Kommission Ende 2019 den European Green Deal vorgestellt, in dessen Rahmen die Europäische Investitionsbank zur „Klimabank“ umgebaut werden soll. Der EU-Rat hat dazu den mehrjährigen Finanzrahmen sowie das europäische Konjunktur- und Investitionsprogramm gegen die Folgen der Corona-Krise in Höhe von insgesamt rund 1,8 Billionen Euro beschlossen. Das ist der größte Haushalt in der Geschichte der EU und er soll nachhaltig investiert werden. Gerade öffentlichen Mitteln kommt hier eine besondere Verpflichtung zu.

W+M: Welcher Zeithorizont verbleibt für eine Transformation unserer Wirtschaft?

Achim Oelgarth: Die deutliche Mehrheitsmeinung unter den Wissenschaftlern ist hier relativ klar: Es ist notwendig, schnell und gezielt unsere bisherige Lebens- und Wirtschaftsweise umzusteuern.

Dr Bernd Rolinck, Foto: Deutsche Bank

Dr. Bernd Rolinck: Die Transformation zu einer emissionsarmen Gesellschaft und Wirtschaft und der Erhalt der natürlichen Ökosysteme sind sicher die vordringlichsten Themen. Die Veränderungen werden Wachstum sowie Verteilung von Wertschöpfung und Wohlstand weltweit und zwischen Industrien betreffen. Die Weichen für die Zukunft einzelner Wirtschaftsstandorte und Unternehmen werden jetzt gestellt – wenn nicht durch die Wirtschaft selbst, dann durch politische Regulierung.

Kristian Kreyes: Der Weltklimarat hat klar dargelegt, in welchem Ziel- und Zeitrahmen gehandelt werden muss, um die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen. Das von der Bundesregierung verabschiedete Klimaschutzgesetz kommt da genau richtig. Es verpflichtet Deutschland, bis zum Jahr 2030 die CO2-Emissionen um 55 Prozent zu reduzieren, im Vergleich zu 1990. Bis 2050 sollen Deutschland und Europa dann CO2-neutral sein. Wenn das gelingt, sind wir auf einem guten Weg.

W+M: Welche Rolle spielt die Finanzwirtschaft bei der Transformation?

Achim Oelgarth: Auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit ergeben sich für die Wirtschaft eine Reihe von Herausforderungen. Hierfür sind neben Innovationen auch erhebliche Investitionen notwendig. So ging die EU-Kommission bei Auflage des Green Deals davon aus, dass bis 2030 zusätzlich 260 Milliarden Euro jährlich nötig sind, um die Klimaziele zu erreichen. Die Finanzwirtschaft kann dabei durch eine entsprechende Lenkung der Finanzströme den Umbau in den Unternehmen aktiv begleiten. Dies stärkt die Wettbewerbsfähigkeit der finanzierten Unternehmen und reduziert Nachhaltigkeitsrisiken in den Bankbilanzen. Wichtig ist dabei, dass eine Bewertung eines Vorhabens als „grün“ nicht das alles entscheidende Kriterium für eine Kreditvergabe sein kann. Hier bleibt ebenso der Blick auf die Bonität, das Ausfallrisiko und die Werthaltigkeit der Investition entscheidend.

Dr. Bernd Rolinck: Die Transformation unserer Wirtschaftssysteme wird auch die Struktur des weltweiten Kapitalstocks betreffen. Kapital wird sich in Bewegung setzen und Mittel aus einzelnen Industrien werden in andere fließen. Dieser Prozess sollte von professionellen Finanzmarktakteuren mitgestaltet werden, um Effizienz im Umbau zu gewährleisten. Diese wissen am ehesten um das Management von Risiken ebenso wie um die Realisierung von Chancen und sollten sich frühzeitig mit den Umbrüchen beschäftigen.

Kristian Kreyes. Quelle ILB

Kristian Kreyes: Unser Beitrag als Förderbank besteht darin, nachhaltige Landesförderprogramme zu managen und neue, zusätzliche Geldquellen für die Transformation zu erschließen. Wir fördern beispielsweise mit eigenen Programmen die nachhaltige Entwicklung in Brandenburg. So haben wir dieses Jahr erstmalig einen sogenannten Social Bond emittiert und damit Investoren die Chance gegeben, in die Bildungsinfrastruktur und in den sozialen Wohnungsbau in Brandenburg zu investieren. Der Bond war innerhalb weniger Stunden mehrfach überzeichnet. Die Nachfrage nach nachhaltigen Finanzprodukten ist in den vergangenen Jahren erfreulicherweise merklich gestiegen.

W+M: Bringt Nachhaltigkeit auch geschäftspolitische Chancen mit sich?

Achim Oelgarth: Das Thema ist unter mehreren Aspekten für die Kreditinstitute relevant. Die Kunden werden zunehmend anspruchsvoller in Bezug auf Nachhaltigkeit und haben entsprechende Ansprüche an ihre Bank. Nachhaltigkeit ist damit – zumindest heute noch – ein Differenzierungsmerkmal im Wettbewerb. Gleichzeitig steigt etwa im Anlagegeschäft die Nachfrage nach entsprechenden Investments. Und nicht zuletzt befasst sich eine Vielzahl von Unternehmen mit der Transformation ihrer Geschäftsmodelle. Dies ermöglicht auch den finanzierenden Banken, sich neue Geschäftsfelder zu erschließen.

Dr. Bernd Rolinck: Selbstverständlich bringt Nachhaltigkeit auch geschäftspolitische Chancen mit sich! Viele Unternehmen werden ihre Geschäftspartner künftig stark unter Nachhaltigkeitsaspekten auswählen. Wer sich hier früh nachhaltig ausgerichtet hat, wird dabei gewinnen. Speziell die Finanzwirtschaft wird davon profitieren, finanzielle Mittel und Lösungen für dediziert nachhaltige Projekte oder Unternehmen bereit zu stellen bzw. für nachhaltig motivierte Investoren geeignete Anlagen zu strukturieren.

Kristian Kreyes: Natürlich, schließlich entstehen völlig neue Branchen, Produkte und Dienstleistungen. Zudem werden sich bestehende Unternehmen und Infrastrukturen an geänderte Rahmenbedingungen anpassen müssen. Denken Sie beispielsweise an die Kohleregion Lausitz, die gerade im Begriff ist, sich neu zu erfinden. Aber auch im Kleinen gibt es vielfältige Chancen für neue Geschäftsideen. So stellt z. B. das von uns finanzierte Start-Up ME Energy autarke Ladesäulen für Elektroautos her, die den Strom aus klimaneutralem Bio-Methanol erzeugt. Aus meiner Sicht ist es entscheidend, dass Wirtschaft und Wissenschaft Hand in Hand arbeiten, damit aus neuen Erkenntnissen innovative, nachhaltige Geschäftsmodelle werden können.

W+M: Wie werden Nachhaltigkeitsparameter in den geschäftspolitischen Strategien berücksichtigt?

Achim Oelgarth: Klimaschutz und Nachhaltigkeit sind auch für Banken eine wichtige Handlungsmaxime. Sie werden integraler Bestandteil der Geschäftsstrategie. Zugleich spielen Nachhaltigkeitsaspekte bei der Risikobewertung eine zunehmend wichtigere Rolle – von den Auswirkungen des Klimawandels bis hin zu politischen Entscheidungen, etwa weil emissionsstarke Industrieunternehmen hohe CO2-Preise zahlen müssen. Um die Geschäftspolitik und das Risikomanagement entsprechend steuern zu können, müssen die Risiken und Chancen auch erkannt und bewertet werden können. Hierfür haben die einzelnen Institute jeweils Standards entwickelt.

Dr. Bernd Rolinck: Die Europäische Zentralbank weist immer wieder darauf hin, dass die europäischen Banken nach ihrer Ansicht die Risiken aus dem Klimawandel – um nur ein Beispiel zu nennen – noch nicht ausreichend in ihrem Risiko-Management berücksichtigen. Über ein Konsultationsverfahren entwickelt sie eigene Empfehlungen zum Umgang mit Klima- und Umweltrisiken im Banksektor. Eine Reihe von Banken in Deutschland – auch die Deutsche Bank – haben eine gemeinsame Vereinbarung geschlossen, um die Kredit- bzw. Investmentportfolien im Einklang mit den Zielen des Pariser Klimaabkommens auszurichten und durch die Finanzierung der Transformation hin zu einer emissionsarmen und klimaresilienten Wirtschaft und Gesellschaft, die Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad zu begrenzen und das 1,5 Grad Ziel anzustreben.

Kristian Kreyes: Seit 2019 steht Nachhaltigkeit auch im Fokus der Aufsicht. So hat die Bundesanstalt für Finanzaufsicht (BaFin) im Mai 2019 die BaFin-Perspektiven zu Nachhaltigkeit veröffentlicht und im Dezember ihr Merkblatt zum Umgang mit Nachhaltigkeitsrisiken. Dieses Jahr hat die BaFin zudem angekündigt, dass sie die Nachhaltigkeit des Geschäftsmodells in Zeiten der Niedrigzinsen prüfen wird. Außerdem wird Sie auch darauf achten, dass Umwelt-, Sozial- und Governance-Risiken in Banken berücksichtigt werden. Sie sehen, Nachhaltigkeit ist in der Finanzwirtschaft angekommen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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