Anerkennung für Ostdeutsche Familienunternehmen

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Eine Studie der Stiftung Familienunternehmen zum Thema “Industrielle Familienunternehmen in Ostdeutschland – Von der Jahrhundertwende bis zur Gegenwart” wurde dieser Tage vorgestellt. Wir geben Ihnen einen Überblick und zitieren aus den Zusammenfassungen. Die gesamte Studie können Sie hier einsehen.

Die wichtigsten Ergebnisse

1.Berlin, Sachsen, Thüringen, Anhalt und Teile der preußischen Provinz Sachsen gehörten spätestens seit Ende des 19. Jahrhunderts bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs zu den industriell am kräftigs-ten entwickelten Regionen des Deutschen Reiches. Abgesehen von Berlin und dem mitteldeutschen Chemiedreieck um Halle/Saale dominierten in den anderen Regionen mittelgroße und kleinere Familienunternehmen. Sie stellten überwiegend Konsumgüter, aber auch Investitionsgüter her und waren stark exportorientiert.

2. In den ersten Nachkriegsjahren fand auf der Grundlage von Befehlen der Besatzungsmacht eine tiefgreifende Umwälzung der Eigentumsverhältnisse und der Wirtschaftsverfassung in der Sowjetischen Besatzungszone und späteren DDR statt. Die zuvor überragende Bedeutung von Familien-unternehmen wurde durch Enteignungen und Demontagen erschüttert. Zehntausende gaben auf oder wanderten notgedrungen in den Westen ab. Mit ihnen verschwand das für den Wiederaufbau wertvollste Kapital: Unternehmer und hochqualifizierte Mitarbeiter sowie ihr Know-how und viele weltbekannte Marken und Namen.

3. Nach der Gründung der DDR ging der Prozess der Verdrängung von privaten Unternehmen mit Mitteln des Steuer- und Strafrechts weiter. Dennoch rangen Familienunternehmen beharrlich um jeden Gestaltungsspielraum und sei er auch noch so klein. Mit der letzten von der SED-Führung 1972 veranlassten Verstaatlichungswelle wurden dann aber auch noch die Reste des Mittelstands zerstört.

4. In der Euphorie nach dem Fall der Mauer wurden die Chancen für einen raschen Aufholprozess der Wirtschaft im Osten zunächst überschätzt. Es ging eben nicht nur um eine umfassende Modernisie-rung des Kapitalstocks, sondern vor allem auch um die Entwicklung weltmarktfähiger Produkte und den fast völligen Neuaufbau des Unternehmertums.

5. Große Anerkennung verdienen die Familienunternehmen, denen trotz der 20jährigen Unterbrechung infolge der Zwangsverstaatlichung von 1972 ein Neuanfang gelang. Herausragende Beispiele für die erfolgreiche Bewahrung und Neubelebung von Markentraditionen stellen die Geschichten der Familien Starke (APOGEPHA Arzneimittel GmbH), Thiele (Kathi Rainer Thiele GmbH) und Weigel (Alfred Weigel KG) dar. Sie zeugen von einem unerschütterlichen Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und einem außergewöhnlichen, über mehrere Generationen weitergegebenen Selbstbehauptungs- und Gestaltungswillen.

6. Einige Familienunternehmen, die im Osten gegründet wurden und nach dem Zweiten Weltkrieg ihren Sitz in den Westen verlegten, kehrten an ihre Gründungsorte zurück. Sie unterhalten heute große Niederlassungen vor Ort oder verlagerten ihren Firmensitz. Unter den Rückkehrern befinden sich Branchenschwergewichte, wie die Bauerfeind AG, (medizinische Hilfsmittel), die Gewa Music GmbH (Musikinstrumente), die OKA GmbH (Büromöbel) und die Paul Rauschert GmbH & Co. KG (Keramik). Die Motive der „Rückkehrer“ waren selten nur rein wirtschaftlicher Natur. Ebenso wichtig waren emotionale Gründe und der Wille, einen Beitrag für den „Aufbau Ost“ zu leisten.

7. Ein in den 1990er Jahren häufig gewählter Weg zur Gründung von Unternehmen waren MBO/MBI-Privatisierungen. Oftmals taten sich ostdeutsche Gründer und westdeutsche Kapitalgeber oder Mitgründer zusammen. Aus diesen Konstellationen ging ein neuer Mittelstand hervor. Vor allem dank der Investitionen familiengeführter mittelständischer Unternehmen sind neue Wachstumskerne und Cluster entstanden. Beispiele dafür lassen sich in allen ostdeutschen Bundesländern finden.„„Die allmähliche Reindustrialisierung in den ostdeutschen Bundesländern wird überwiegend von mittelständischen Familienunternehmen getragen und wirkt positiv auf die Entwicklung des Ar-beitsmarkt

Zusammenfassung

Die Branchenanalysen verdeutlichen Stärken aber auch Defizite des produzierenden Gewerbes in den ostdeutschen Bundesländern und den Stellenwert von Familienunternehmen. Die altindustriellen Branchen, Textilindustrie und Bergbau, haben ihre volkswirtschaftliche Bedeutung weitgehend verloren. Auch große Teile des Maschinenbaus, der Konsumgüterindustrie und der Elektrotechnik/Elektronik mussten tiefe Einschnitte hinnehmen, was sich in der geringen Zahl von Familienunternehmen in Ostdeutschland widerspiegelt, die in den Top 40 zu finden sind. In den Bereichen Stahl, Pharmazie und Chemie hingegen ist die Internationalisierung von Produktionsstrukturen weit fortgeschritten. Bei den größten Unternehmen dieser Branchen handelt es sich um Global Player. Daneben gehören mittelständische Familienunternehmen, insbesondere Edelstahlhersteller und Gießereien, zu den Wachstumsträgern. Die Edelstahlhersteller BGH und Schmees haben ihre Firmensitze nach Sachsen verlegt. Ein leistungsstarker Mittelstand hat sich auch in den Branchen Eisenbahntechnik sowie Kran- und Hebetechnik etabliert. Spitzenplätze, nicht nur im gesamtdeutschen, sondern sogar im europäischen Ranking, nehmen in den ostdeutschen Bundesländern tätige Familienunternehmen bei der Produktion von Glas, Papier, Folien und Süßwaren ein. Seit Ende der 1990er Jahre ist mit der Glas Trösch Holding AG das größte glasherstellende und glasverarbeitende Familienunternehmen Europas in Sachsen-Anhalt tätig. Zu einem Zentrum der Papierindustrie hat sich Schwedt/Oder vor allem dank Investitionen der LEIPA Georg Leinfelder GmbH entwickelt. Die ORAFOL Europe GmbH, Oranienburg hat mit der Produktion von lichtreflektierenden und selbstklebenden Farbfolien ein beeindruckendes Wachstum erzielt und gehört inzwischen zu den Top 500 der deutschen Familienunternehmen. Die Firmen von Oliver Schindler und die Trolli GmbH haben in den mecklenburgischen Kleinstädten Boizenburg und Hagenow wichtige neue Standorte der Süßwarenindustrie aufgebaut. Im Bereich Wein und Sekt gilt die Freyburger Rotkäppchen-Mumm Sektkellereien GmbH dank des Zusammengehens von ostdeutschen Managern und westdeutschen Geldgebern als Musterbeispiel für das Revival eines seit über 120 Jahren bekannten Markenprodukts und als eine der großen Erfolgsgeschichten nach der Einheit schlechthin. Eine Wiederbelebung haben auch noch andere Branchen mit großen Traditionen erfahren. Dazu zählen die Herstellung von Musikinstrumenten, Uhren, Spielzeug und Brillen. Mehrere in Sachsen ansässige Familienunternehmen sind in diesen Bereichen auf den vordersten Plätzen zu finden. So hat sich die Glashütter Uhrenindustrie ihren Platz unter den weltbesten Herstellern von Luxusuhren zurückerobert. Für die Neubelebung der Brillenproduktion am Traditionsstandort Rathenow sorgte die Günther Fielmann AG mit dem Bau eines großen Produktions- und Logistikzentrums.

Lesen Sie die gesamte Studie.

 

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