Mittelstand digital: Arbeit 4.0 − schöne neue digitale Arbeitswelt?

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Themenserie Mittelstand-Digital teil 3:  Arbeit 4.0 − Schöne neue digitale Arbeitswelt? Von Martin Lundborg

Die Loblieder der Digitalisierung und nicht zuletzt der Arbeit 4.0 erklingen derzeit aus vielen Kehlen. Ihre Hits heißen „Homeoffice“, „digitale Assistenz“ oder „Flexibilisierung der Arbeitszeit“ und versprechen unisono eine schöne neue Arbeitswelt. Nicht jeder mag bei dieser Guten-Laune-Party mitschunkeln. Angesichts Künstlicher Intelligenz und der durch sie ermöglichten Automatisierung befürchtet mancher die massenhafte Vernichtung von Arbeitsplätzen. Im dritten Teil der Themenserie zu Mittelstand-Digital wägt Martin Lundborg die beiden Extrem-Positionen gegeneinander ab und zeigt auf, wie die Mittelstand 4.0-Kompetenzzentren mit ihrem Angebot kleinen und mittelständischen Unternehmen dabei helfen, die digitale Transformation zu ihrem Vorteil zu nutzen.

Wird im Fernsehen über die Digitalisierung berichtet, sind fast immer Bilder wie diese zu sehen: Roboter verrichten in der Fertigung Aufgaben, geduldig, präzise und mitunter sogar in rücksichtsvoller Zusammenarbeit mit Menschen. Beliebt ist auch das Bild des Lagerarbeiters, der dank der Datenbrille auf seinem Kopf zum richtigen Regal geführt wird. Echte Hingucker sind nicht zuletzt Menschen, die mithilfe von sogenannten Exoskeletten, also technisch hochgerüsteten Anzügen, mühelos zentnerschwere Lasten heben.

 

Foto: Stechuhr/Peter von Bechen/pixelio.de

Digitale Zeiterfassung

Gerade in kleinen und mittleren Unternehmen kommt die Digitalisierung dagegen meist weniger spektakulär daher. Ein gutes Beispiel dafür ist die Zeiterfassung. Als diese noch analog durchgeführt wurde, war sie mit hohem bürokratischem Aufwand verbunden. Daten aus Erfassungssystemen wie Stechuhr und Lochkarte mussten manuell in Listen übertragen werden, ehe man sie, ebenfalls manuell, auswerten konnte. Die digitale Zeiterfassung kann dagegen nicht nur papierlos, sondern auch bequem von jedem beliebigen Ort aus erfolgen. Für Auswertungen sind oft nur wenige Klicks erforderlich.
Die Technik hinter digitalen Zeiterfassungen ist meist unaufwändig. Im einfachsten Fall genügt eine Software, die auf PCs, Laptops oder per App auf mobilen Geräten genutzt werden kann. So unkompliziert die Anschaffung eines solchen Systems in der Regel ist, so komplex sind die Fragen, die sich aus dessen Nutzung ergeben. So ermöglicht die digitale Zeiterfassung nicht nur eine Flexibilisierung der Arbeitszeit, sondern auch Homeoffice. Da sich viele Arbeitnehmer mehr Spielraum bei der Arbeitszeitgestaltung wünschen, stellt sich der Unternehmensführung dadurch die Frage, ob und in welchem Umfang sie diese neuen Gestaltungsräume auch freigibt. Von der Antwort hängt sowohl für die Stammbelegschaft als auch für noch zu gewinnende Mitarbeiter oft die Attraktivität des Arbeitsgebers ab.
Digitalisierung erfordert einen Wandel der Unternehmenskultur
Die Einführung digitaler Zeiterfassung zeigt exemplarisch, dass die Digitalisierung im Unternehmen nur über die Akzeptanz der Beschäftigten erfolgen kann. Schließlich sind sie es, die die digitalen Tools täglich nutzen. Werden diese von den Arbeitnehmern lediglich als Instrument der Überwachung begriffen, bleiben häufig auch viele Möglichkeiten der Tools ungenutzt. Im Beispiel der Zeiterfassung betrifft das etwa die realistische und detaillierte Erfassung der Arbeitszeiten, die zugleich Grundlage für eine optimierte Planung und Abrechnung von Ressourcen und Mitarbeitereinsätzen sein kann.

Digitalisierung geht nur durch aktive Mitwirkung

So lebt die Digitalisierung in weiten Teilen vom aktiven Mitwirken aller Beteiligten. Im Zuge der Digitalisierung ist daher meist mehr als nur technisches Gerät zu ersetzen. Klassische Hierarchien werden aufgelöst, an ihre Stelle tritt flexible Projektarbeit. Entscheidungen, die im analogen Betrieb noch von oben nach unten durchgegeben werden konnten, werden im digitalen Betrieb meist auf die Teamebene verlegt. Führungskräfte werden dadurch keineswegs überflüssig. Jedoch verändert sich ihre Rolle im Betrieb. Viel häufiger als früher sind sie nun als Moderatoren und Ansprechpartner für auftauchende Probleme gefragt.
Die eingangs gestellte Frage, ob die Digitalisierung nun eher Grund zu Freudentänzen gibt oder als Schreckgespenst bekämpft werden sollte, entpuppt sich in der Praxis damit als nicht weiterführend. Um die Herausforderungen der Digitalisierung zu meistern und ihre Chancen zu nutzen, sollten Unternehmen den Digitalisierungsfahrplan mit ihrer Unternehmensstrategie zusammenführen und die Beschäftigten bei allen dafür notwendigen Schritten mitnehmen. Kleine und mittelständige Unternehmen für diese Aufgabe fit zu machen, ist das Ziel der vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie unterstützten Mittelstand 4.0-Kompetenzzentren.

Information und Unterstützung rund um Arbeit 4.0

Die Mittelstand 4.0-Kompetenzzentren bieten in ganz Deutschland kleinen und mittleren Unternehmen kostenfreie, praxisorientierte Informationsangebote rund um die Digitalisierung. In den Kompetenzzentren in Siegen, Darmstadt, Kaiserslautern, Hamburg, Berlin, Cottbus, Ilmenau sowie dem Kompetenzzentrum „Textil vernetzt“ finden sich Schwerpunkte zum Thema Arbeit 4.0. Für Unternehmen aus Ostdeutschland lohnt sich jedoch immer auch ein Blick auf die regionalen Angebote der Kompetenzzentren in ihrer Nähe. Neben Berlin, Cottbus und Ilmenau sind das die Kompetenzzentren in Chemnitz, Magdeburg und Rostock.

Kompetenzzentrum Chemnitz TU Chemnitz, Foto: Romy Uhlig.

Informationen über rechtliche und arbeitswissenschaftliche Aspekte von Mobile- und Homeoffice finden Unternehmer beispielsweise auf den vom Kompetenzzentrum Chemnitz durchgeführten Thementagen. Das Kompetenzzentrum in Magdeburg hat online ein Tool aufgesetzt, mit dem Unternehmen einen Digitalisierungs-Check-up machen können. In der individuellen Unternehmenssprechstunde können dessen Ergebnisse dann näher beleuchtet werden. Die Kompetenzzentren in Berlin und Cottbus führen in ihrer Region Workshops mit der Methode LEGO® SERIOUS PLAY® durch, in denen spielerisch Unternehmen und Teams Lösungen für ihren Weg in die Digitalisierung erarbeiten können. Das Kompetenzzentrum in Ilmenau wiederum lädt regelmäßig zum Stammtisch „Arbeitswelten 4.0“ ein. Dort haben Führungskräfte und Mitarbeiter kleiner und mittlerer Unternehmen die Gelegenheit, sich mit Experten und Kollegen aus anderen Betrieben über die Digitalisierung und ihre Folgen für die Arbeit auszutauschen.
Viele der genannten Angebote finden sich jeweils auch an den anderen Standorten. Das gesamte Spektrum der Angebote aller Mittelstand 4.0-Kompetenzzentren kann an dieser Stelle aus Platzgründen nicht wiedergegeben werden. Weiterführende Information dazu finden Sie unter mittelstand-digital.de.

Mittelstand-Digital

Mittelstand-Digital informiert kleine und mittlere Unternehmen über die Chancen und Herausforderungen der Digitalisierung. Die geförderten Kompetenzzentren helfen mit Expertenwissen, Demonstrationszentren, Best-Practice-Beispielen sowie Netzwerken, die dem Erfahrungsaustausch dienen. Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie ermöglicht die kostenfreie Nutzung aller Angebote von Mittelstand-Digital. Weitere Informationen finden Sie unter mittelstand-digital.de.

Autor: Martin Lundborg, Leiter der Begleitforschung Mittelstand-Digital

 

Fotos: TU Chemnitz, Romy Uhlig.

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