Maschinenbau Ost: Rekordkurs in unsicheren Zeiten

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Der ostdeutsche Maschinenbau wächst. Die Digitalisierung eröffnet den Unternehmen zudem weitere Chancen. Doch die Risiken im Außenhandel und der Fachkräftemangel könnten den Aufschwung in diesem Jahr bremsen. Von Matthias Salm

Der ostdeutsche Maschinenbau blickt auf ein erfolgreiches Jahr zurück. 2018 lagen wichtige Faktoren wie die Kapazitätsauslastung und der Auftragsbestand auf hohem Niveau, vermeldet der ostdeutschen Landesverband des VDMA (Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau). So bewerten 85 Prozent der ostdeutschen Betriebe die aktuelle wirtschaftliche Lage als sehr gut oder gut. Die Produktionskapazitäten der Unternehmen waren zu durchschnittlich 89,5 Prozent ausgelastet. Das Auftragspolster der Maschinen- und Anlagenbauer reicht demnach im Durchschnitt für 5,3 Monate.

Aktuell finden zwischen Ostsee und Erzgebirge mehr als 84.000 Mitarbeiter Beschäftigung im Maschinenbau. Das liest sich zwar wenig im Vergleich zu den einst 350.000 Arbeitnehmern zur Wendezeit. Doch seit 2013 erholt sich die Branche spürbar und hat allein in diesem Zeitraum um 6.000 Arbeitsplätze zugelegt. Der Umsatz steigerte sich im Vergleich zu 2013/2014 um fast vier Milliarden Euro. Der Maschinen- und Anlagenbau zählt deshalb nicht von ungefähr zu den Eckpfeilern der ostdeutschen Industrie. Schwerpunkte der Unternehmen liegen in der Produktion von Werkzeug- , Druck- und Verpackungsmaschinen, von Hebe- und Fördermitteln sowie im Werkzeug- und Formenbau.

In den einzelnen Bundesländern fällt die Bilanz des zurückliegenden Jahres allerdings unterschiedlich aus. So verzeichnete die Branche in der Hauptstadt 2018 ein leicht rückläufiges Geschäft. „Der Berliner Maschinenbau ist sehr stark exportorientiert“, erläuert Reinhard Pätz, Geschäftsführer des VDMA-Landesverbandes Ost, die Zahlen. Mit 71,3 Prozent erreichen die Berliner Betriebe aber als einziges ostdeutsches Bundesland annähernd die bundesweite Exportquote von 79 Prozent. Die hohe Exportorientierung sorgte denn auch für das Minus in den Auftragsbüchern. Während die Binnennachfrage um fast drei Millionen Euro zulegte, fiel der Auslandsumsatz der Berliner Unternehmen um 20 Millionen Euro auf rund 1,4 Milliarden Euro.

Gänzlich anders die Lage im benachbarten Brandenburg: Die Maschinenbauer in der Mark haben den geringsten Auslandsumsatz aller ostdeutschen Länder. Die Exportquote beträgt gerade einmal 40 Prozent. Der Grund: Die kleinteilige Betriebsstruktur und der hohe Zuliefereranteil erschweren einen Gang auf ausländische Märkte. Insgesamt setzten die Brandenburger Maschinenbauer 2018 59 Millionen Euro weniger um als im Vorjahr.

Rekordmarke in Sachsen-Anhalt

In Sachsen-Anhalt hingegen blüht die Branche. Hier erreichte sie 2018 ein neues Umsatz- und Beschäftigungshoch. Der Umsatz kletterte um etwa 45 Millionen Euro und damit zum neunten Mal in Folge. „Der Maschinenbau gehört wieder zu den innovativsten Wachstumsbranchen”, urteilt Reinhard Pätz über die Entwicklung in Sachsen-Anhalt. Spürbar nach oben entwickelt sich auch die Beschäftigtenzahl. In den Firmen mit mindestens 50 Mitarbeitern arbeiteten im Jahr 2018 durchschnittlich 13.190 Menschen – ein Plus von 3,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Mehr Menschen standen zuletzt 1996 in Sachsen-Anhalt im Maschinen- und Anlagenbau in Lohn und Brot.

Und es wird kräftig investiert: So erweitern beispielsweise die beiden Maschinenbauunternehmen H&B OMEGA aus Osterweddingen und SYMACON aus Barleben mit Millioneninvestitionen ihre Unternehmen, um sie für den technologischen Wandel fit zu machen. Die H&B OMEGA Europa GmbH, die auf Entwicklung, Fertigung und Vertrieb von Reibschweißmaschinen spezialisiert ist und derzeit rund 60 Mitarbeiter beschäftigt, erweitert ihre Betriebsstätte für gut 2,4 Millionen Euro. Die SYMACON GmbH investiert gut eine Million Euro in neue Maschinen und Anlagen für ihre Automatisierungslösungen.

Noch besser als die Maschinenbauer in der Börde stehen die Betriebe in Sachsen da. Die 201 Unternehmen des Landes verkauften 2018 Maschinen, Anlagen und Komponenten im Wert von etwa 8,1 Milliarden Euro. Im Vergleich zu 2017 steigerten sie ihren Gesamtumsatz damit um etwa 300 Millionen Euro. Jedes zweite sächsische Maschine (52 Prozent) wird mittlerweile ins Ausland geliefert, dabei zu 40 Prozent in Länder der Europäischen Union. Die weiteren wichtigsten Handelspartner der Unternehmen im Freistaat waren China – hier legten die Ausfuhren um 20 Prozent zu – und die USA.

In Mecklenburg-Vorpommern verliefen die Geschäfte 2018 dagegen aufgrund einiger Großaufträge im Vorjahr rückläufig. In der Thüringer Industrie erwies sich die Branche mit Ausfuhren von über 1,4 Milliarden Euro als Exportspitzenreiter. Auch in Thüringen erweitern die Unternehmen deshalb ihre Kapazitäten. So investiert etwa die Zeulenroda Präzision Maschinenbau GmbH sieben Millionen Euro in Gebäude und Fertigungsanlagen, die Arnstädter Werkzeug- und Maschinenbau AG baut für 3,5 Millionen Euro eine neue Produktionshalle.

„Für 2019 sind die Unternehmen vorsichtig optimistisch“, wagt Pätz einen Ausblick auf das laufende Jahr. Sicher ist: Das Wachstumstempo wird sich verlangsamen. Zu den Wachstumsbremsen zählt unter anderem der Facharbeitermangel. „Dreiviertel aller Unternehmen haben Schwierigkeiten, geeignete Facharbeiter, Ingenieure oder Führungskräfte zu finden“, weiß Pätz. „Das gilt in besonderer Weise für die Bereiche Konstruktion, Produktion und Software-Entwicklung.“

Das Problem kennt auch Dr. Denis Dontsov, Geschäftsführer der SIOS Meßtechnik GmbH in Ilmenau. Das Unternehmen agiert weltweit als Hersteller von Präzisionsmessgeräten auf der Basis von Laserinterferometern. „Wir haben kein Problem, Mitarbeiter aus dem akademischen Bereich zu finden, die gut ausgebildeten Techniker und Facharbeiter sind hingegen Mangelware“, erläutert der Unternehmer aus der Universitätsstadt.

Doch nicht nur der Facharbeitermangel sorgt die Branche. Auch die politischen Unwägbarkeiten trüben den Optimismus der Maschinenbauer. „Der Brexit trifft die ostdeutschen Unternehmen nicht so stark“, glaubt Pätz, „wohl aber die Wirtschaftssanktionen etwa gegenüber Russland, China oder dem Iran. “ Das bestätigt auch Dontsov aus Sicht seines Unternehmens: „Wir exportieren nach China und in die USA und müssen uns deshalb auf die Änderungen einstellen.“ Zumal die Folgen der Handelsstreitigkeiten oder des Brexits aufgrund der teils langen Vorlaufzeiten im Maschinenbau vermutlich erst in diesem Jahr ihren Niederschlag in den Büchern finden werden.

Foto: Jurec/Pixelio.de

Dieser Beitrag erscheint in der Frühjahrsprintausgabe von WIRTSCHAFT+MARKT am 29. April 2019.

 

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