Boris Schucht: Die Energiewirtschaft ist eine der wenigen industriellen Erfolgsgeschichten, die nach der Wende im Osten geschrieben wurden

0
481

Fotos: Jan Pauls, W+M, Jan Pauls (v. l.)

Boris Schucht, CEO des Stromnetzbetreibers 50Hertz, im Interview mit W+M-Verleger Frank Nehring und W+M-Chefredakteur Karsten Hintzmann

W+M: Herr Schucht, bitte beschreiben Sie in knappen Sätzen, was Energiewende aus Ihrer Sicht bedeutet.
Boris Schucht: In erster Linie bedeutet das für mich die Verantwortung, die wir gegenüber unseren Kindern und den nachfolgenden Generationen haben, dass wir einen Planeten hinterlassen, der noch lebenswert ist. Konkret gesagt: Die Energiewende ist eines der größten industriellen Umbauprojekte in der Geschichte Deutschlands. Von der Dimension her ist sie vergleichbar mit der deutschen Wiedervereinigung. Denn die ganze Transformation, die dahintersteht, tangiert am Ende jeden.

W+M: Wie schätzen Sie den aktuellen Stand der Energiewende ein?
Boris Schucht: Wenn wir allein auf die Region schauen, in der 50Hertz aktiv ist, also den Nordosten Deutschlands, kann man sagen: Diese Region nimmt eine absolute Vorreiterrolle ein auf dem Weg zu einer erfolgreichen Energiewende. Der Anteil Erneuerbarer Energien am Stromverbrauch lag hier im letzten Jahr schon bei 53,4 Prozent. Das ist Weltspitze. Wir haben den Anteil der Erneuerbaren Energien in den letzten Jahren stark gesteigert und konnten die Kosten im gleichen Zeitraum unheimlich senken – in unserem Gebiet, aber auch in ganz Deutschland: Anfangs lagen die Einspeisesätze für Photovoltaikstrom bei 54 Cent pro Kilowattstunde. Mittlerweile gab es Auktionen, bei denen die Preise bei rund vier Cent pro Kilowattstunde lagen. Das ist Beleg für eine Erfolgsgeschichte. Deutschland hat drei Technologien – Onshore- und Offshorewind sowie Photovoltaik – zu marktfähigen Preisen erschlossen, die nun international zur Verfügung stehen. So kann der globale Strombedarf immer stärker aus Erneuerbaren Energien gedeckt werden.
Aber natürlich gibt es auch Schwierigkeiten. Wir alle wissen, dass wir das ursprünglich bis 2020 gesteckte Klimaziel nicht erreichen. Wir erfüllen zwar im Stromsektor die Ziele sehr gut, in anderen Sektoren, etwa bei der Mobilität oder der Wärmeversorgung, sehen wir jedoch de facto seit 1990 keine Reduzierungen von CO²-Emissionen.
Vor uns liegt zudem ein ambitioniertes Ziel: Bis 2030 soll der Anteil der Erneuerbaren Energien am Gesamtstromverbrauch bei 65 Prozent liegen. Auf dem Weg dorthin müssen viele strukturelle Fragen entschieden werden – auch die Frage der Zukunft der Braunkohle. Das sind Herausforderungen, denen sich die Gesellschaft, die Politik aber auch wir Unternehmen stellen müssen.

W+M: Was halten Sie von der Position des Thüringer MP Bodo Ramelow, dass zunächst die verfügbaren Netze optimiert werden sollten, bevor neue Netze und Leitungen gebaut werden?
Boris Schucht: Da hat er vollkommen recht – und genau nach dieser Handlungsmaxime gehen wir auch vor: Es ist das sogenannte NOVA-Prinzip, das heißt Netz-Optimierung vor Verstärkung vor Ausbau. Lassen Sie mich dazu etwas erklären: Wir hatten bisher in Europa eine Versorgungsstruktur, die dadurch geprägt ist, dass Kraftwerke nahe an den Ballungszentren liegen und somit nahe an den Verbrauchern. Der Strom wird also über eher kurze Distanzen transportiert. Insbesondere die Kernkraft hat es uns ermöglicht, dass dieses Konzept auch in Süddeutschland umsetzbar war. Mit dem Ausbau der Erneuerbaren Energien ändern sich die Erfordernisse. Wir müssen Strom über größere Distanzen zu den Verbraucherzentren bringen. Und Windenergie fällt eher im windreichen Nordosten an und muss über weite Wege transportiert werden. Dafür ist unsere Infrastruktur bisher nicht ausgelegt. Insofern müssen wir sie entsprechend um- und ausbauen. Und da kommt das NOVA-Prinzip zum Tragen. Zur Optimierung haben wir zum Beispiel Phasenschieber in manchen Umspannwerken eingebaut. Das sind Schleusen, die je nach Bedarf mehr oder auch weniger Strom durch die Netze leiten. Wir setzen seit etlichen Jahren auch Hochtemperaturseile ein, um in ganz besonderen Situationen noch mehr Strom transportieren zu können. Aber ganz ohne Leitungsausbau werden wir gewiss nicht auskommen.

W+M: Warum geht der Ausbau der Netze nicht schneller voran?
Boris Schucht: Wir leben in einer Demokratie, in der so große Infrastrukturprojekte auch mit den betroffenen Bürgern und den betroffenen Regionen diskutiert werden müssen – und zwar früher und umfassender als nur in den formellen Genehmigungsverfahren. Und dieser Dialog kostet Zeit. Wir tun gut daran, uns die Zeit zu nehmen, denn sonst werden wir die Akzeptanz für die Energiewende nicht bekommen. Wenn ein Projekt wie die ‚Thüringer Strombrücke‘ aber von der ersten Planung bis zur Realisierung fast 15 Jahre benötigt, ist das allerdings zu lang. Hier hoffen wir auf einen weiter verbesserten Gesetzesrahmen, der uns hilft, derartige Großprojekte künftig innerhalb von zehn Jahren umsetzen zu können.

W+M: Bei der Umsetzung der Energiewende hat der Osten hinsichtlich der Erzeugung erneuerbarer Energien einen Vorsprung. Ergeben sich daraus aus Ihrer Sicht auch Standortvorteile für den Wirtschaftsraum Ostdeutschland?
Boris Schucht: Eigentlich müsste es ja so sein, dass die Energie dort, wo sie produziert wird, am günstigsten ist. So ist es allerdings in der Praxis nicht und daher bietet dieser Aspekt auch keinen Standortvorteil. Was wir aber sehen ist, dass die Energiewirtschaft in den neuen Ländern seit Jahren auf Erfolgskurs ist. Es ist die Region, die am meisten für den Aufbau der Erneuerbaren Energien getan hat. Hier im Osten wird Strom produziert und europaweit verkauft. Von den 55 Terrawattstunden, die Deutschland exportiert, kommen fast 50 aus Ostdeutschland. Das ist ungefähr der gesamte Jahresstromverbrauch von Tschechien oder Portugal. Das ist eine der wenigen wirklich großen industriellen Erfolgsgeschichten, die nach der Wende geschrieben wurden.

W+M: Der ostdeutsche Mittelstand beklagt, dass die aus der Energiewende resultierenden höheren Stromkosten in den neuen Ländern ein deutlicher Wettbewerbsnachteil sind. Wie ist ihre Position, sollte man die Lasten der Energiewende nicht auf ganz Deutschland umlegen?
Boris Schucht: Da sprechen Sie ein Thema an, für das wir uns in den letzten Jahren mit der Politik in Ostdeutschland stark eingesetzt haben. Es ist ein Fehlanreizsystem, dass ostdeutsche Kunden höhere Netzentgelte zahlen müssen als Kunden in den alten Ländern. Und es ist unfair. Der Gesetzgeber hat im letzten Jahr reagiert und das Netzentgeltmodernisierungsgesetz beschlossen. Dort wird geregelt, dass wir die Übertragungsnetzentgelte in fünf Schritten bundesweit angleichen. Einen ersten Schritt vollziehen wir zum 1. Januar 2019. Unsere Netzentgelte werden dann um 23 Prozent sinken. Das ist eine gute Nachricht – speziell für die energieintensive Industrie im Osten.

50 Hertz Transmission GmbH
Das in Berlin beheimatete Unternehmen betreibt als Übertragungsnetzbetreiber das Höchstspannungsnetz (220 und 380 Kilovolt) im Osten Deutschlands, einschließlich Berlin, sowie im Raum Hamburg mit einer Stromkreislänge von rund 10.200 Kilometern. Das 2002 gegründete Unternehmen beschäftigt gut 1.000 Mitarbeiter und erwirtschaftete im Vorjahr einen Umsatz von knapp zehn Milliarden Euro.

Hinterlassen Sie eine Nachricht

Please enter your comment!
Please enter your name here