Prof. Dr. Ragnitz: Zunehmende Diskrepanz zwischen Festtagsreden und alltäglichem Handeln

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Fotos: W+M/Ralf Succo, ifo Dresden, W+M/Ralf Succo (v. l.)

Kommentar von Prof. Dr. Joachim Ragnitz, Managing Director des ifo Instituts Dresden, zu den bewegten Zeiten in Ostdeutschland

Wettbewerb ist aus Unternehmenssicht meist unbequem – zwingt er doch zu beständiger Anpassung an sich ändernde Rahmenbedingungen. Aber gerade das macht wettbewerblich organisierte Wirtschaftssysteme auch stark, denn die Existenz von Konkurrenz zwingt zu fortlaufender Innovationstätigkeit und ermöglicht damit im Ergebnis ein gesamtwirtschaftliches steigendes Wohlstandsniveau. Unternehmen, die nicht schnell genug reagieren (oder noch besser: mit Innovationen voranschreiten), werden dann aus dem Markt gedrängt – bitter zwar für die Betroffenen, aber aus volkswirtschaftlicher Sicht notwendige und sogar wünschenswerte Begleiterscheinung wirtschaftlicher Entwicklung, denn auf diese Weise werden knappe Ressourcen in Verwendungen gelenkt, in denen sie den höchsten gesamtwirtschaftlichen Nutzen stiften.

Problematisch ist insoweit nicht der Wettbewerb als solcher, wohl aber die Tatsache, dass die Welt unübersichtlicher und unsicherer geworden ist und der Wettbewerb oftmals verfälscht wird. Es gibt eine zunehmende Diskrepanz zwischen Festtagsreden zur Überlegenheit der marktwirtschaftlichen Ordnung einerseits und alltäglichem Handeln der Politik, die Interventionen in das Wirtschaftsleben immer häufiger als legitimes Mittel zur Durchsetzung allgemeinpolitischer Ziele ansieht – und diese sind eben oftmals erratisch, in sich widersprüchlich und damit schwer vorhersehbar. Dabei gehören Grundsätze wie das Primat der freien Preisbildung oder die Stabilität der politischen Rahmenbedingungen zum Grundwertekanon der Marktwirtschaft. Und leider ist in einer arbeitsteilig verflochtenen Weltwirtschaft die Abhängigkeit auch von politischen Ereignissen im Ausland groß. Ein unbedachter Tweet des amerikanischen Präsidenten kann insoweit Schockwellen auslösen, die bis in das letzte erzgebirgische Gebirgsdorf reichen.

Natürlich kann ein einzelnes Unternehmen oder auch eine einzelne ostdeutsche Region sich hiergegen kaum schützen. Schmollen, Abschottung oder der Ruf nach staatlichen Hilfsgeldern helfen aber nun wirklich nicht weiter; vielmehr müssen die Unternehmen selbst dafür sorgen, dass sie sich im Zweifel schneller auf veränderte Rahmenbedingungen einstellen können. Die (Landes-)Politik kann dabei helfen, indem sie auf Regulierungen, die über Vorgaben von Bund und EU hinausgehen, so weit wie möglich verzichtet oder sie zumindest so ausgestaltet, dass damit die Flexibilität der Wirtschaft nicht negativ betroffen ist. Und hier können die ostdeutschen Unternehmen ihre Vorteile ausspielen: Häufig wird ja beklagt, dass die ostdeutsche Wirtschaft Nachteile im internationalen Wettbewerb hätte – weil zu kleinteilig, zu wenig innovativ, zu wenig auf Wachstum eingestellt. Aber hieraus lässt sich auch ein Wettbewerbsvorteil ableiten: Kleinere Unternehmen können zwar eher als größere durch Finanzierungsengpässe in ihrer Anpassung an veränderte Marktbedingungen behindert werden; die geringe Größe ist aber dann besser, wenn es darum geht, schnell und flexibel auf die Herausforderungen globaler Konkurrenz zu reagieren. Große Konzerne sind da wie Tanker, die sich nur schwer steuern lassen – zumal sie häufig auch durch bürokratische Strukturen, starke Mitbestimmungsrechte von Dritten oder auch politische Einflussnahme gehemmt werden.

Es sind sicherlich bewegte Zeiten, in denen wir leben. Aber wahrscheinlich haben das die Menschen vor 20, 30 Jahren auch gedacht. Herausforderungen scheinen ja nur dann groß und unüberwindbar, solange man die Lösung für akute Probleme nicht gefunden hat. Im Rückblick betrachtet, sind sie dann oftmals eher klein. „Et hätt noch emmer joot jejange“, würde man in Köln sagen. Insoweit kann man optimistisch sein, dass die ostdeutsche Wirtschaft gestärkt aus allem herausgeht, was uns heute als unlösbares Problem erscheint.

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