Gropp: So ist der Aufholprozess zwischen Ost und West nicht zu schaffen

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Fotos: W+M, Fotostudio Freistil (v. l.)

W+M-Verleger Frank Nehring im Interview mit IWH-Chef Prof. Dr. Reint E. Gropp

W+M: Herr Professor Gropp, das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung (IWH) in Halle wurde unmittelbar nach der Wiedervereinigung gegründet. Was macht heute die eigentliche Alleinstellung Ihres Hauses aus?
Reint E. Gropp: Wir wurden 1991 zur Erforschung der Transformation im Zusammenhang mit dem Übergang der neuen Bundesländer in die Marktwirtschaft gegründet. In den 2000er-Jahren begann die Suche nach einer neuen Strategie. Ziel war es, das Thema Transformationsforschung mit einem neuen Thema zu verbinden, um sich wissenschaftlich weiter zu entwickeln. Die Wahl fiel Ende 2010 auf die Finanzforschung. Es war die Zeit der Finanzkrise und es stellte sich heraus, dass es in keinem deutschen Institut eine starke Finanzforschung gab. Das IWH untersucht daher langfristige Wachstums- und Aufholprozesse. Wachstum ist bestimmt durch die Effizienz der Allokation der Ressourcen Arbeit und Kapital im Arbeits- und Finanzmarkt. Wachstum besser zu verstehen ist generell wichtig, aber für Ostdeutschland vielleicht noch mehr, denn wenn Ostdeutschland jemals den Westen im Wohlstand einholen will, muss der Osten schneller wachsen als der Westen.

W+M: Was ist denn das Bemerkenswerteste, das in den neuen Bundesländern passiert ist, wovon andere lernen könnten?
Reint E. Gropp: Zunächst einmal muss ich zugeben, dass mich die langanhaltenden wirtschaftlichen Unterschiede zwischen Ost und West überrascht haben. Es gibt wenig ökonomische Modelle, die nach knapp 30 Jahren keine Konvergenz vorhergesagt hätten. Immerhin ist das Rechtssystem zwischen Ost und West gleich und Kapital und Arbeitskräfte können sich frei bewegen. Aber schon seit 1997 gibt es keine Fortschritte. Zum Teil hat das sicher auch mit verpassten Chancen zu tun. Die Chancen, die sich ergaben und ergeben, werden aus verschiedensten Gründen in Ostdeutschland zu selten genutzt. Zudem entwickelt sich die Wirtschaft zurzeit allgemein in Deutschland sehr gut, aber eben im Osten nicht besser als im Westen. In solchen Zeiten will man aber keine radikalen Vorschläge umsetzen. Jetzt wäre aber genau der richtige Zeitpunkt, um Neues mutig anzugehen. Aber auch schon 1990 wurde es verpasst, statt alte, auch im Westen schon überholte, Industriezweige zu erhalten, die Zeichen der Zeit zu erkennen und eher auf moderne Dienstleistungen und IT zu setzen.

W+M: Wer hätte das 1990 entscheiden müssen?
Reint E. Gropp: Hinterher ist man natürlich immer schlauer. Vielleicht die Treuhand, allerdings hatte die sowieso alles andere als eine leichte Aufgabe. Vielleicht hätte man sich weniger um die kaputten Anlagen als um die Forschungsabteilungen, also um die Produktentwickler, kümmern sollen. Man darf nicht vergessen, dass Deutschland auf die Wiedervereinigung nicht vorbereitet war, und insofern fehlte es natürlich auch an einer Strategie.

W+M: Hat Ostdeutschland überhaupt noch die Chance, einen solchen Veränderungsprozess anzuschieben?
Reint E. Gropp: Natürlich. Aber es gibt gerade in der Politik recht viele Widerstände. Politiker wollen gewählt werden. Die nötigen Veränderungen, die meist auch erst mit Verzögerung positive Auswirkungen zeigen und die Wahlzyklen in der Politik passen überhaupt nicht zusammen. Berlin ist ein interessanter Fall. Berlin ist die Stadt, die sich in den letzten zehn Jahren in Deutschland am meisten verändert hat. Und woher kam die Veränderung? Nicht durch eine kohärente Strategie des Senats, sondern einfach gesagt durch einen Imagewandel. „Arm, aber sexy“ hat dazu geführt hat, dass Menschen nach Berlin gekommen sind, die am ehesten bereit waren, etwas zu verändern. Junge, gut ausgebildete, risikofreudige Menschen, die etwas Neues schaffen wollten, haben eine Dynamik entwickelt, die auch Risikokapital anzog. Start-ups sind entstanden, neue Ideen und Unternehmen haben sich entwickelt. Anzeichen für so eine Entwicklung gibt es inzwischen auch in Leipzig und Dresden.

W+M: Was schlagen Sie also vor?
Reint E. Gropp: Um junge, dynamische, kreative Menschen in den Osten zu holen, sind Investitionen in Universitäten der Königsweg. Hier besteht eine echte Chance für den Osten. International gesehen gibt es in Deutschland (fast) keine Top-Universitäten. Das ist eine Frage des Geldes, aber Geld ist aktuell da. Eine kreative Szene, die Veränderungen bewirken kann, entwickelt sich typischerweise um erstklassige Universitäten herum, wie im Silicone Valley oder in Boston.

W+M: Woran werden wir merken, dass der Aufholprozess in Gang kommt und eine Angleichung an das Wirtschaftsniveau der alten Länder an Fahrt gewinnt?
Reint E. Gropp: Man wird es daran erkennen, wenn in Ostdeutschland große neue Unternehmen entstehen. Ohne große neue Unternehmen wird das Pro-Kopf-Niveau niemals das westdeutsche Niveau erreichen, weil nur so hochbezahlte Jobs im Osten entstehen können. Aber diese neuen Unternehmen werden nicht im Maschinenbau oder anderen tradierten Branchen entstehen, sondern im Dienstleistungsbereich oder im IT-Sektor. Solange das nicht passiert, sehe ich nicht, wie dieser Angleichungsprozess erfolgen soll.

W+M: Wie bewerten Sie die Aktualität und Realisierbarkeit des vom OWF.ZUKUNFT 2018 vorgelegten Memorandums M20siebzehn, das ja die Vorreiterschaft bei der digitalen Wende vorschlug.
Reint E. Gropp: Ich habe daran ja selbst mitgewirkt. Dieses Memorandum hatte drei Ziele. Erstens darauf hinzuweisen, dass Digitalisierung etwas Neues ist und es keinen Grund gibt, sich hinten anzustellen. Zweitens Disruption. Wenn man weniger funktionierende Strukturen hat, müsste es leichter sein, Neues umzusetzen. Und drittens, dass es wichtig ist, sich überhaupt Ziele zu setzen. Denn ohne Ziele fehlt der Druck, sich auseinanderzusetzen. Insofern ist die Idee des Memorandums sicher immer noch aktuell und mutig. Allerdings sehe ich wenig in der Umsetzung.

W+M: Vielen Dank für das Interview!

Das IWH
Das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) wurde mit Wirkung zum 1. Januar 1992 gegründet. Als Institut der Leibniz-Gemeinschaft wird sein institutioneller Haushalt zu je 50 Prozent von Bund und Ländern finanziell getragen. Das Institut wird in privater Rechtsform als eingetragener Verein geführt. Entsprechend der Satzung verfolgt das Institut ausschließlich und unmittelbar gemeinnützige, insbesondere wissenschaftliche Zwecke. Im Rahmen dieser Zielsetzung führt das IWH neben seinen durch die institutionelle Förderung finanzierten Aufgaben auch Drittmittelforschung durch.

Prof. Dr. Reint E. Gropp
Seit November 2014 hat Reint E. Gropp das Amt des Präsidenten des IWH inne und ist Inhaber eines Lehrstuhls für Volkswirtschaftslehre an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg. Er ist Fellow des Center for Financial Studies, Frankfurt. Als Berater ist er unter anderem für die Bank of Canada und die Federal Reserve Bank of San Francisco tätig. Vor seinem Amtsantritt am IWH war er Professor an der Goethe-Universität Frankfurt am Main und hatte dort die Stiftungsprofessur für Sustainable Banking and Finance inne. Zuvor war er in verschiedenen Positionen für den Internationalen Währungsfonds (IWF) sowie für die Europäische Zentralbank (EZB) tätig, zuletzt als Deputy Head der Financial Research Division.

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